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Aktivisten demonstrieren gegen die Untätigkeit angesichts der Hungerkrise in Afrika.

Hungersnot in Afrika

Tatenlosigkeit darf sich Deutschland nicht leisten

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Das Wetterphänomen El Niño verschärft die Hungersnöte im südlichen Afrika, Millionen von Menschen sind bedroht. Was ist zu tun? Der Gastbeitrag.

Man stelle sich vor, in einer Welt zu leben, in der das Essen einfach zu teuer ist. Damit ist nicht das schicke Abendessen in einem Szene- oder Spezialitätenrestaurant gemeint, sondern lediglich Grundnahrungsmittel – das Essen, das wir jeden Tag auf dem Tisch haben. Genau das erleben gerade 20 Millionen Menschen im südlichen Afrika. Viele von ihnen können nur ein oder zwei Mal am Tag essen und sind abhängig von Nahrungsmittelhilfen. Eine gesunde Ernährung und die ausreichende Versorgung mit Nährstoffen sind so nicht möglich.

Seit 2015 verschärft das Wetterphänomen El Niño die Situation. Seit zwei Jahren herrscht Dürre, in anderen Regionen kam es zu Überflutungen. Die Pflanzen vertrocknen, es kann nichts geerntet werden.

Der Preis für Grundnahrungsmittel wie Mais ist explodiert, in vielen Regionen sind überhaupt keine Nahrungsmittel mehr verfügbar. Die Menschen sind geschwächt, sie können nicht mehr. Eins von vier Kindern im Alter von fünf Jahren ist aufgrund der Mangelernährung körperlich unterentwickelt. Die Folgen sind irreversibel.

Mehr als 30 Millionen Menschen in Malawi, Madagaskar, Lesotho, Swasiland und Simbabwe gelten als ernährungsunsicher. Im Süden von Madagaskar sind mehr als eine halbe Million Menschen auf Nothilfe angewiesen; mehr als 330 000 leiden unter starkem Hunger. 80 Prozent von ihnen sind Bauern und mussten ihren kompletten Besitz verkaufen und sich neue Einkommensquellen suchen.

Obwohl die Menschen den Regen sehnsüchtig erwarteten, brachte er dann Anfang dieses Jahres nicht nur Gutes mit sich. Im März sorgte der Zyklon „Enawo“ dafür, dass mehr als 350 000 Menschen kein sauberes Wasser hatten. In Mosambik traf der Zyklon „Dineo“ im Februar über 500 000 Menschen und zerstörte mehr als 29 000 Hektar Mais, Erdnüsse, Maniok und Bohnen. Für viele war es die erste Ernte nach der Dürre – jetzt ist sie verloren.

Einen solchen Hunger haben die Länder im südlichen Afrika noch nie erlebt. Doch diese Hungerkrise kommt alles andere als überraschend, sie war vorhersehbar. Frühwarnsysteme sind heute in der Lage, zuverlässig und genau vorherzusagen, wann die Nahrungsmittelvorräte in besonders anfälligen Regionen erschöpft sind. Care und andere Hilfsorganisationen verteilen seit Beginn der Dürre im südlichen Afrika Bargeld, Nahrung und andere Hilfsgüter an die Betroffenen.

Längerfristig arbeiten wir mit Landwirten an besseren Anbautechniken, um eine dauerhafte Versorgung mit Nahrung sicherzustellen. Das Ziel ist, möglichst unabhängig von klimatischen Bedingungen eine erfolgreiche Ernte sicherzustellen. Care verfolgt dabei einen multisektoralen Ansatz, in dem Frauen in ihrer Rolle als gleichberechtigte Akteure in der Familie und bei der Erwirtschaftung von Einkommen gestärkt und gleichzeitig Kleinbauern auf der Gemeindeebene gezielt unterstützt werden.

Aber der Klimawandel, die wachsende Weltbevölkerung und Konflikte machen die Bekämpfung von Hunger und Mangelernährung zu einer komplexen globalen Herausforderung. Zum einen müssen die Ursachen, die Hunger und Mangelernährung zugrunde liegen, bekämpft werden. Zum anderen muss frühzeitig in Katastrophenvorsorgeprogramme investiert werden.

Hohe Folgekosten

Denn neben den gravierenden gesundheitlichen und sozialen Folgen sind auch die wirtschaftlichen Auswirkungen immens: Die Folgekosten von Hunger und Mangelernährung werden von der Welternährungsorganisation FAO für Afrika und Asien auf durchschnittlich elf Prozent des Bruttoinlandsprodukts geschätzt. Ernährungssicherheit kann nur durch eine Steigerung der Produktion, Diversifizierung des Anbaus und eine verbesserte Gleichstellung von Frauen erreicht werden. Zudem muss mit Ressourcen nachhaltig umgegangen und zugleich die öffentliche Klimafinanzierung für Afrika erhöht werden.

Die katastrophalen Folgen des Hungers haben derzeit weite Teile des südlichen Afrika fest im Griff. Wenn wir nicht alle zusammenarbeiten – Vereinte Nationen (UN), Regierungen und Hilfsorganisationen – und schnell handeln, wird für viele Menschen die Hilfe zu spät kommen.

Die Bundesregierung versucht, mit neuen Instrumenten wie dem „Marshallplan“ Afrikas Zukunft positiv zu gestalten. Das sind Schritte in die richtige Richtung. Sie reichen aber nicht aus. Denn das Recht auf Nahrung ist ein Menschenrecht. Resignation und Tatenlosigkeit darf sich ein so reiches Land wie Deutschland nicht leisten: Deshalb sind zivilgesellschaftliche Organisationen wie Care die Stimme der Hungernden in Afrika.

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