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Die Fakten sind bekannt, trotzdem wird zu wenig gegen den Klimawandel getan.

UN-Klimagipfel in Polen

Die Taten fehlen

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Eigentlich war man sich in Paris schon einig: Die Erderwärmung muss gestoppt werden. Doch das ist bisher nur Wunschdenken. Fakt ist: Die Erde heizt sich weiter auf. Der Leitartikel.

Im Dezember 2015 fand die „beste und friedlichste Revolution“ statt, „eine Revolution gegen den Klimawandel“. So vollmundig jedenfalls kommentierte der damalige französische Präsident Hollande den Abschluss des Pariser Weltklima-Abkommens, laut dem die globale Erwärmung auf zwei, besser allerdings 1,5 Grad begrenzt werden soll. „Historisch“ war das damals am meisten strapazierte Wort für das Ereignis. Der Vertrag sende den Märkten das Signal: „Nun kommt der grüne Umbau“ – so gab sich US-Außenminister Kerry überzeugt. 

Und nun, drei Jahre später? Umbaupause. Und man ist schon froh, wenn nicht die Konterrevolutionäre übernehmen. 

Das ist die Situation zu Beginn des UN-Klimagipfels in Polen, der heute beginnt. Die Konferenz in Katowice war eigentlich „nur“ als technisches Treffen auf dem Weg zur Umsetzung des Abkommen geplant, das ab 2020 gilt. Es geht vor allem darum, den Vertrag in ein Regelwerk zu übersetzen, das sicherstellt, dass alle 197 Unterzeichnerländer Klimaschutz auf der gleichen Berechnungsgrundlage betreiben und keiner den anderen durch Tricksereien über den Tisch zieht. Außerdem soll Bilanz gezogen werden, wie stark die Klimaziele der Staaten nachgeschärft werden müssen, um das 1,5- bis Zwei-Grad-Ziel tatsächlich einhalten zu können. Das dient als Sicherheitslimit gegen Kippelemente des Weltklimas, die eine globale Katastrophe auslösen würde. Doch nun gibt es eine weitere, hochpolitische Dimension. 

Tatsächlich wird der dritte Klimagipfel nach Paris an den von dort ausgesandten Signalen gemessen werden, ob der 2015 beschworene Wille zum Abschied von den fossilen Energien überhaupt trägt. Denn bisher steuert die Welt faktisch weiter mit Vollgas in die Klimakrise.

Die Klimaschutz-Lücke ist zuletzt sogar größer geworden, nicht kleiner, wie man drei Jahre nach Paris doch wohl erwarten könnte. Die Hoffnung, die globalen Emissionen würden nun endlich sinken, hat getrogen. Sie steigen seit 2017 wieder deutlich an, und die CO2-Reduktionsziele der Regierungen reichen bei weitem nicht aus, um das Zwei-Grad-, geschweige denn das 1,5-Grad-Limit zu halten. Werden sie nicht drastisch verschärft, wird die untere Sicherheitslinie bereits in zwei Jahrzehnten überschritten. Bis 2100 ist eine Erwärmung von über drei Grad wahrscheinlich, und danach würde der Anstieg weitergehen. Die Erde droht unbewohnbar zu werden.

Immerhin hat der G20-Gipfel in Argentinien jetzt kurz vor der Katowice-Konferenz das Paris-Abkommen in seiner Abschlusserklärung bekräftigt. Erstmals wird sogar das 1,5-Grad-Limit in einem solchen Papier der Obereinheizer des Planeten erwähnt und damit quasi als Messlatte für das eigene Handeln definiert. Es ist ein Erfolg, dass die USA unter ihrem Klimaleugner-Präsidenten Trump isoliert blieben und kein anderes Land ausscherte, auch nicht der Erdöl-Staat Saudi Arabien und auch nicht das ab Januar vom „Tropen-Trump“ Bolsonaro regierte Brasilien. Trotzdem sichert das die Umsetzung des Paris-Abkommens nicht. Der Trump-Virus bleibt aktiv, und hehre Pro-Paris-Bekenntnisse nützen nichts, wenn sie nicht dazu führen, dass auch gehandelt wird. 

Das Hauptproblem: Mit der Wahl von Trump zum US-Präsidenten ist die Achse USA-China weggebrochen, die das Paris-Abkommen erst möglich gemacht hatte. Seither schlingert die internationale Klimapolitik, es fehlt die Führung, es fehlen Vorreiter. Kein Wunder daher, dass Trumps nach-mir-die-Sintflut-Haltung die Paris-Architektur erschüttert hat. Der US-Präsident hat den Austritt aus dem Abkommen angekündigt, milliardenschwere Zusagen der USA für die globale Klimafinanzierung zurückgezogen und lässt nichts aus, um das Vertrauen in die multinationale Zusammenarbeit zu zerstören. Bolsonaro, Brasiliens künftiger Präsident, schickt sich derweil an, Trumps fossiles Zerstörungswerk im globalen Norden vom Süden her zu ergänzen. Er will den fürs Weltklima so wichtigen Amazonas-Regenwald zur Plünderung durch die Forst- und Agrarindustrie freigeben. Mit dem Ausstieg aus Paris hat er auch schon gedroht. Und gerade erst demonstrierte er, wie unwichtig ihm der UN-Klimaprozess ist, indem er die Bewerbung seines Landes um die Ausrichtung des nächsten Klimagipfels 2019 zurückziehen ließ.

Fazit: Für ein Aufatmen gibt es trotz der G20-Erklärung, die beim Thema Klima ohnehin nur eine G19-Erklärung ist, keinen Anlass. Selbst wenn der Katowice-Gipfel gut läuft und das „Regelbuch“ für das Paris-Abkommen von den fast 200 Staaten ohne große Friktionen verabschiedet wird, steht die wirkliche Prüfung der Weltgemeinschaft noch bevor. Sie muss ans Eingemachte gehen. 
Das heißt, endlich müssen die Subventionen für fossile Energien abgebaut werden, die weltweit die gigantische Summe von rund 600 Milliarden Dollar jährlich betragen – nur dann haben die erneuerbaren Energien wirklich eine Chance. Und dem Treibhausgas CO2 einen realistischen Preis geben, per Emissionshandel oder per CO2-Steuer. Ohne eine solche Korrektur bleibt die „beste Revolution“ eine Phantasie.

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