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Schüler eines Gymnasiums in Neustrelitz arbeiten im Englischunterricht mit einem iPad.

Digitalisierung an Schulen

Tablet und WLAN, das ist längst nicht alles

Dass die digitale Modernisierung der Schulen notwendig ist, wird niemand bestreiten. Aber noch wichtiger ist, was und wie unterrichtet wird. Der Gastbeitrag.

Wird gerade die digitale Zukunft der Schule auf dem Basar des Bildungsföderalismus verramscht? Schon zwei Jahre dauert das Hin und Her, das viele Kommunen auf Geld aus Berlin hoffen ließ – eine Hoffnung, die die Ministerpräsidenten vorerst enttäuscht haben.

Dabei ist eines klar: Es ist absolut richtig und notwendig, dass die Schulen in die Lage versetzt werden, ihre Ausstattung zu modernisieren. Doch es ist absolut falsch zu glauben, dass die Sache mit der Digitalisierung dadurch erledigt wäre. So richtig und wichtig der Digitalpakt ist: Geht es um gute Bildung und gute Schulen in einer digitalen Welt, dann ist die Finanzierung von Tablets, Rechnern und Wlan-Routern für die Schulen ein kleiner, aber nur ein erster Schritt. Denn mit der Ausstattung entstehen nicht automatisch auch neue Lernformen und Inhalte.

Egal ob Schülerinnen und Schüler, Lehrerinnen und Lehrer mit Tablets arbeiten, mit Whiteboards oder mit gedruckten Büchern – die Wahl der Instrumente sagt wenig darüber aus, ob die richtigen Kompetenzen und das richtige Wissen für ein selbstbestimmtes, erfolgreiches und sicheres Leben in einer digitalen Welt erworben werden. Dabei wäre das nötiger denn je, denn die Digitalisierung bedeutet nicht nur einen technologischen, sondern einen tiefgreifenden gesellschaftlichen Wandel.

Jobs, die es heute noch gar nicht gibt

Es ist sehr wahrscheinlich, dass die meisten heutigen Schülerinnen und Schüler später Jobs haben werden, die es heute noch gar nicht gibt, dass Veränderungen sich beschleunigen und gelerntes Wissen noch schneller überholt ist. Die Digitalisierung bietet viele Chancen – aber auch große Unsicherheiten. In den Schulen geht es nun darum zu lernen, mit diesen Veränderungen umzugehen und die Welt von morgen aktiv mitzugestalten.

Technik first, Pädagogik second? Das kann nicht die Devise sein. Im Gegenteil, es stellen sich viele andere Fragen: Unterrichten wir die richtigen Fächer? Und grundlegender: Ist die Aufteilung in Fächer überhaupt zielführend? Ist es sinnvoll, dass die Globalisierung im Englisch-, im Erdkunde- und im Geschichtsunterricht isoliert behandelt wird, statt sie in einem gemeinsamen Projekt zu erforschen? Und Schulnoten – geben die wirklich das richtige Feedback für die Lernentwicklung? Wie geben wir jeder und jedem Lernenden sehr individuell Rückmeldung zu seinen und ihren Lernfortschritten und überlegen, was die nächsten Lernschritte sind? Was passiert im Unterricht: Arbeiten die Schüler und Schülerinnen in Teams, an Projekten, jede(r) für sich?

Welche Rolle haben die Lehrenden? Sind sie Wissensvermittler, Coaches, Sozialarbeiter – oder, als Lern- und Lebensbegleiter, all das zusammen? Ist das eine Aufgabe, die sie noch alleine bewältigen können oder müssen sie nicht Player in Teams mit anderen Professionen sein? Lohnt sich das Lernen von Fakten, Jahreszahlen, Formeln – wenn man sie in Sekunden im Netz googeln kann? Wäre es nicht wichtiger, kritisches Denken zu fördern, damit ergoogeltes Wissen eingeordnet, bewertet und auf Neues angewandt werden kann?

Anforderungen an die Bildung der Zukunft

Die Anforderungen an die Bildung der Zukunft liegen auf der Hand. Die Kompetenzen lassen sich in den „vier K“ zusammenfassen: Kreativität, kritisches Denken, Kollaboration und Kommunikation. Lernende brauchen aber auch Wissen – und Strategien, sich Wissen immer neu anzueignen. Die Schülerinnen und Schüler müssen lernen, wie sie mit Veränderungen und Unwägbarkeiten umgehen. Sie müssen lernen, dass offene Fragen ihnen Sorgen machen dürfen – aber auch, dass die erworbenen Kompetenzen ihnen in unsicheren Situationen Halt und Handlungsoptionen geben.

Die Schule muss die Kinder teamfähig machen – denn den Einzelkämpfern gehört mit Sicherheit nicht die Zukunft. Sie muss sie offen machen für andere Menschen, andere Ideen, andere Gebräuche – denn ihre Zukunft wird anders sein als das bisher Bekannte.

In der Schule müssen Kinder Demokratie erfahren, denn die Demokratie ist in digitalen Zeiten massiv unter Beschuss. Fake News und Propagandakanäle lösen hergebrachte Medien immer stärker ab – Schule muss sich darüber im Klaren sein, dass eine Demokratie gut informierte Bürger braucht. Sie muss aber auch zeigen: Jede und jeder ist wichtig, alle haben im besten demokratischen Sinn eine Stimme. Das bedeutet auch, dass die Schule demokratischer werden und den Lernenden Erfahrungen von Selbstwirksamkeit ermöglichen muss.

Politiker reden im Zusammenhang mit der Digitalisierung vom „Ende der Kreidezeit“. Dieser Ausdruck ist, ehrlich gesagt, Quatsch. Man kann auch an Whiteboards schlechten Unterricht machen. Es geht um Bildung, die die Gestaltung der digitalen Welt in den Blick nimmt. Es geht um Bildung für das 21. Jahrhundert.

Felix Banaszak ist Vorsitzender der Grünen Nordrhein-Westfalen.

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