Kolumne

Systemrelevante Gorillas

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Weil Touristen ausbleiben, können arme Länder ihre Nationalparks nicht mehr finanzieren. Der Bund sollte einen Rettungsschirm für sie mitausarbeiten.

Es ist derzeit von Vorteil, als systemrelevant eingestuft zu sein. Die Politik schafft für solche Betriebe und Berufszweige Rettungsschirme, gewährt Finanzhilfen und etwas mehr Bewegungsfreiheit als für jene, die nicht in diese Kategorie fallen.

Diese Setzung von Prioritäten ist notwendig. Ob die Vergabe der Rettungsschirme im Einzelfall gerecht ist, darüber kann man nachdenken. Es stünde einer Kulturnation eigentlich nicht schlecht an, zum Beispiel auch Buchhandlungen und künstlerisch Tätige als systemrelevant einzustufen.

Das Gesundheitssystem und der Versorgungssektor genießen jedenfalls Vorrang. Doch wir werden, auch zur Risikominderung bei künftigen Pandemien, in größeren Zusammenhängen denken müssen.

So hat der durch das Coronavirus ausgelöste Wegfall des Tourismus schon jetzt bedrohliche Folgen für Systeme, die weltweit relevant sind. Nationalparks in Afrika, Asien, Südamerika wirken vielfach positiv für die lokale Bevölkerung.

Darüber hinaus sind sie global bedeutsam, da sie helfen, das Klima zu schützen, und sie sind unabdingbar für die Erhaltung der Artenvielfalt.

Viele von ihnen waren auf die Einnahmen aus der Reiseindustrie existenziell angewiesen. Hauptattraktionen wie die Serengeti in Tansania, die Galapagosinseln weit vor Ecuadors Küste oder die Lebensräume der Gorillas im östlichen Kongogebiet finanzierten zudem weniger einnahmenträchtige Schutzgebiete im Schlepptau mit. Jetzt aber fehlen den ärmeren Ländern die Einnahmen aus dem Tourismus, um ihre ohnehin wirtschaftlich nicht üppig ausgestatteten Reservate weiter zu unterhalten.

Besucherinnen und Besucher wären in den Schutzgebieten derzeit ohnehin auf keinen Fall zugelassen. Sie bilden eine Gefahr, weil sie Gorillas, Orang Utans und Co mit dem lebensgefährlichen Virus infizieren könnten.

Verkehrte Welt, denn bisher ermöglichte ihr Geld deren Schutz. Diese Naturflächen sind systemrelevant, denn sie stützen das Ökosystem Erde, sie sichern dessen Funktionen zum Wohl des Menschen.

Es bedarf deswegen schnell eines Rettungsschirms für unterfinanzierte Schutzgebiete. Da diese vor allem in den sogenannten Entwicklungsländern liegen, sind der CSU-Minister Gerd Müller und sein Haus, das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ), geradezu prädestiniert, diesen Rettungsschirm aufzuspannen. Deutschland muss ihn nicht allein finanzieren, sollte aber mit gutem Beispiel vorangehen.

Manche bisherige Initiative des Ministers wirkte, gelinde gesagt, nicht wirklich systemrelevant, so das gut gemeinte Vorhaben „Grüner Knopf“, mit dem der Kleidermarkt nachhaltiger gestaltet werden sollte, ohne Kinderarbeit und ohne die todbringenden Brandkatastrophen in asiatischen Textilfirmen.

Mit der Freiwilligkeit der Kennzeichnung war der Flop programmiert. Auch die vom BMZ geförderten 1000 Fußballplätze für Afrika zeitigten, wie zu erwarten war, keinen systemrelevanten Effekt.

Mit dem Nationalpark-Rettungsschirm schüfe Minister Müller ein zukunftsweisendes Projekt, was in dieser Legislaturperiode nicht jedem CSU-Bundesminister gelang.

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