+
Ein durch einen Luftschlag verwundetes Kind liegt in einem Krankenhaus in der Stadt Ariha.  

Analyse

Syrien: Linien im Sand 

  • schließen

Assads Truppen rücken auf die von den Rebellen kontrollierte Region Idlib vor. Das Rad der Gewalt dreht sich weiter. Eine Analyse. 

Der bereits neun Jahre andauernde militärische Konflikt in Syrien spitzt sich unrühmlich in der letzten von den Rebellen kontrollierten Region Idlib zu. In den vergangenen zehn Wochen sind im syrischen Bürgerkrieg mehr Menschen vertrieben worden als jemals zuvor. Die Spirale der Grausamkeit und des Tötens nimmt auch mit der allgegenwärtigen Kriegsrhetorik kein Ende.

Die Regierungstruppen von Baschar al-Assad setzen ihren Vormarsch auf die letzte große Rebellenhochburg fort und feierten einen strategischen Erfolg – die Eroberung einer Schnellstraße, die Damaskus und Aleppo verbindet. Drei Millionen Menschen leben in Idlib. Stadt um Stadt, Dorf um Dorf kämpfen sich die Truppen des Assad-Regimes durch die Region und erobern sie stückweise zurück. 900.000 Menschen aus der Region sind seit Dezember auf der Flucht. Sollten die Kämpfe in den Gebieten um Idlib und Aleppo andauern, könnten weitere 280.000 Menschen folgen. 

Syrien: Ein Vernichtungskrieg gegen das eigene Volk 

Um dem Zorn der Regierungstruppen zu entkommen, fliehen die meisten Menschen Richtung Türkei. Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan unterstützt aufständische Kräfte in Syrien, während Russland mit der Regierung von Präsident Baschar Al-Assad verbündet ist. 

Seit neun Jahren führt der Machthaber einen Krieg gegen sein eigenes Volk. Vor Monaten bereits postulierte der syrische Kommandeur Suhail al-Hassan auf dem Telegram-Kanal der syrischen Armee: „Ich befehle, auf dem Schlachtfeld die Kinder vor den Erwachsenen, die Frauen vor den Männern zu töten. Wir werden nicht mehr dulden, dass Terroristen unter uns leben.“ 

Den Menschen in Idlib fehlt es an Unterkünften, Nahrung und medizinischer Versorgung. Der Winter verschlimmert die Lage nur noch weiter. Dabei ist das ganze Teil einer perfiden Verkettung von Kriegsverbrechen. In der Vergangenheit ist das bereits in Aleppo, Homs, Douma und Ghouta deutlich geworden. Zivilisten wurden in dem attackierten Gebiet ausgehungert, vergast oder starben durch die inzwischen unzählbare Summe von Luftangriffen. Fällt Idlib, könnte der Krieg mit den aufständischen Kräften beendet sein. Doch der Weg dorthin ist ein schmaler Grat. 

Auch die Drohung von Erdoğan, er würde das komplette syrische Territorium de facto zum Schlachtfeld erklären, dient der angespannten Situation nur wenig. Erdoğan drohte, wenn türkischen Soldaten auf syrischem Territorium auch nur ein Haar gekrümmt werde, würde die Türkei „am Boden und in der Luft zuschlagen“. Am Mittwoch sagte er, es seien „die letzten Tage“ für das „Regime“, um die Aggressionen zu stoppen und sich an die Grenzen des Sotschi-Abkommens zu halten. Die Türkei werde Idlib nicht der syrischen Regierung und ihren Unterstützern unterlassen, so Erdoğan. In diesen Tagen der indirekten militärischen Konfrontation fallen die Gegensätze und Abhängigkeiten zwischen Russland und der Türkei ins Auge. Moskau sieht sich dabei im Recht.

Syrien: Kann der Konflikt zwischen der Türkei und Russland eskalieren? 

 „Wir stellen nach wie vor mit Bedauern fest, dass diese Gruppierungen aus Idlib syrische Truppen angreifen und sich außerdem aggressiv gegen unsere Militärobjekte verhalten. Das ist nicht akzeptabel und widerspricht der Vereinbarung von Sotschi“, kommentierte der Kreml-Sprecher Peskow die aktuelle Lage. In Sotschi hatten Putin und Erdoğan ihre Einflusszonen in Syrien abgesteckt und den gemeinsamen Kampf gegen Terroristen vereinbart. Der Militäreinsatz von Russland wird unter der Flagge des Kriegs gegen den Terror geführt. Auch die „Unterstützung der legitimen Staatsmacht Syriens“, nannte der Kreml als Argument. Machthaber Baschar al-Assad konnte aufatmen: mithilfe der Russen gelang es ihm, weite Teile des von der Regierung gehaltenen Syriens zu stabilisieren.

Raum für Verhandlungslösungen gab es – inzwischen wird das weltpolitische Geplänkel auf der syrischen Bühne aber von Russland, Assad und der Türkei entschieden. Wird es also zu einem militärischen Konflikt zwischen Russland und der Türkei kommen? Zumindest eine von Russland ausgehende militärische Konfrontation scheint unwahrscheinlich, da Russland die Lufthoheit über Syrien hält. Auch politische Beobachter in der Türkei halten die Eventualität eines derartigen Flächenbrandes für eher gering. „Unter allen Nachbarn gibt es ein Land, vor dem die Türkei Angst hat: Russland“, argumentiert der Autor und Nahost-Experte Soner Cagaptay.  

Moskaus bewährte Strategien der Wirtschaftssanktionen und Tourismus-Boykott könnten die wesentlich wirksameren Maßnahmen sein, um Erdoğans scharfer Rhetorik einen Dämpfer zu verpassen. Die türkische Gasversorgung beruht wesentlich auf Lieferungen aus Russland. Erst vor wenigen Wochen ist die neue Pipeline Turk Stream durch das Schwarze Meer in Betrieb genommen worden. Damit könnte Russland Druck auf die Probleme der türkischen Innenpolitik ausüben, die ohnehin von Erdoğans Kriegsgetöse übertönt werden.

Egal, welche Wendung der Konflikt in Syrien nehmen wird, es gibt bereits einen Verlierer: das syrische Volk.  

Von Marvin Ziegele 

Ein Coronavirus-Ausbruch in Flüchtlingslagern in Syrien und Libanon wäre ein Katastrophe, warnt Jacqueline Flory im FR-Interview und beklagt, dass die Spenden ausbleiben.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion