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Proteste gegen den G7-Gipfel in Biarritz. 

Kolumne

Sympathen und tumbe Toren: Zuversicht und Freude gegen Leere und Hass

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Der erste Eindruck täuscht seltener als viele denken. Man sollte das nicht unterschätzen. Die Kolumne von Michael Herl.

Eigentlich sollte man Menschen ja immer eine zweite Chance geben. Genauso eigentlich gilt aber auch der immerwährende Grundsatz, nachdem der allererste Eindruck immer der richtige ist. Zweifelt man also irgendwann an der Integrität eines Zeitgenossen, so versuche man, sich an sein Gefühl in der ersten Zehntelsekunde des allerersten Kennenlernens zu erinnern. Dieses gilt meistens immer. Und wenn doch mal nicht immer, gibt es dann ja immer noch die Chance der zweiten Chance.

Die Kriterien der Beurteilung sind simpel. Zum Beispiel unterschied ein mir einst wohlbekannter Bordellbesitzer die Menschheit in „Ficker“ und „Nichtficker“. Ich als Fremder seiner Branche teile sie ein in „Sympathen“ und „Unsympathen“. Natürlich sollte man ersteren nicht sofort Haus, Hund und Hof vermachen, genauso wenig, wie man zweiteren nicht auch mal einen Gebrauchtwagen abkaufen sollte. In beiden Fällen ist halt die einem gesunden Menschenverstand innewohnende Vorsicht anzuraten.

Erfahrung hilft oft nicht

Die hat übrigens überhaupt nichts mit fortgeschrittenem Alter zu tun. Man hat da zwar reichlich Erfahrung angehäuft, doch die hilft einem oft nicht. Die besten Beispiele dafür sind die gutgläubigen Opfer von Enkeltrick-Betrügern und umgekehrt die vielen Altersstarrsinnigen, die nichts und niemandem mehr vertrauen – oftmals gar sich selbst nicht. Anders herum haben Kleinkinder ein untrügliches Gefühl dafür, wen sie auf Anhieb mögen und wen nicht. Genauso wie Hunde übrigens, aber das ist ein anderes Thema.

Wie sehr man sich irren kann, erlebte ich vor vielen Jahren. Mir, als in den Siebzigern sozialisiertem Menschen, wurden Stereotypen mitgegeben, wonach gitarrespielende, kiffende Menschen mit zotteligen Haaren in weiten, bunten Klamotten automatisch „den Guten“ zuzuordnen seien.

Das hat sich im Großen und Ganzen auch immer bewahrheitet, bis zu meiner ersten Reise in die USA. Dort lernte ich, dass sich solche äußerlichen Attribute durchaus mit Schwarzen-, Juden- und Schwulenhass sowie einer Passion für halbautomatische Waffen und elektrische Stühle vertragen können. Die guten Gammler auch dort auszudeuten, musste ich mir erst mühsam aneignen.

Sympathen demonstrieren in Biarritz

Wie ich darauf komme? Nun, dieser Tage schaltete ich den Fernseher ein und erblickte viele Menschen. Im Bruchteil einer Sekunde spürte ich: „Das sind Sympathen“. Und siehe da, es waren friedliche Demonstranten gegen den G7-Gipfel in Biarritz. Sie lachten, sprühten trotz des trüben Anlasses Zuversicht aus, Freude und etwas, das mein Unterbewusstsein als philanthropisch empfand.

Es war ein etwa dreiminütiger Beitrag. Je länger ich in die Gesichter der Menschen sah, desto sympathischer wurden sie mir. Ist das Zufall? Ist es auch Zufall, dass es mir beim Anblick von AfD-Anhängern kalt den Rücken herunterläuft? Seit Jahrzehnten gehe ich zu Aufmärschen von Rechtsradikalen, aus beruflichen und aus privaten Gründen, im Osten und im Westen.

Immer blicke ich in tumbe Gesichter, leere Augen und hasserfüllte Mienen. Diese Bilder haben sich in mein Hirn eingemeißelt. Sie helfen mir, intuitiv zwischen Freund und Feind zu unterscheiden. Und sie trügen mich nie. Dessen bin ich mir sicher.

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