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Jeder Mensch braucht Symbole des Glücks für den Start in das neue Jahr.

Silvester

Ein Symbol mit scharfer Klinge

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Das Christkind hat nicht den Frieden gebracht. Für das Glückssymbol Schwein klappt es sicher nicht, dass im neuen Jahr alles besser wird. Aber wir können es uns vornehmen.

Große Festtage haben ihre Symbolfiguren. Der ältere Herr mit dem roten Mantel und weißen Rauschebart hat gerade seine Saison beendet. Eigentlich liegt sein Gedenktag am 6. Dezember, denn das historische Vorbild war Nikolaus von Myra. Doch in den 1700 Jahren seit dessen Lebzeiten wurden die Erinnerungen an ihn einigen Veränderungen unterworfen. Dass er inzwischen vor allem als weihnachtlicher Geschenkebringer gesehen wird, hat wohl mit der Kommerzialisierung des Festes zu tun.

Jedenfalls spielt dieser Bischof, wenn es um Geschenke und deren Überbringung geht, heutzutage keine realpolitische Rolle. Die Vorstellung von ihm verbindet sich nicht mit Begriffen wie Schwerstarbeit, Mindestlohn und Liefertermin. Heutige Zusteller haben zudem zwar harte Jobs, aber keinen Knecht Ruprecht, der mit seiner Rute all jene bestraft, die nicht brav waren. Mit dem bösen Knecht selbst ist auch seine Rute aus den modernen Bräuchen fast verschwunden und es ist eine ganz andere, die Navigationssysteme beim Programmstart zu berechnen behaupten.

Das Christkind, der eigentliche Anlass des Freudenfestes, eröffnete wie alle Jahre wieder Weihnachtsmärkte, brachte aber auch diesmal keine Geschenke, leider auch nicht den um diese Zeit besonders oft beschworenen Frieden auf Erden. Es spielt stets eine eher theologische Rolle und wird kaum mehr besungen als die obligatorischen Nadelbäume oder das entsprungene Röslein, wobei letzteres sich in seiner Bedeutung nicht jedem sofort offenbart. Jetzt steht das Fest bevor, welches Sekt, Knallerei und gesundheitsgefährdenden Feinstaub zu seinen Markenzeichen erhoben hat. Brandwunden an Silvester sind häufig, aber keine Besonderheit, denn dazu haben wir ja früher im Jahr die Grillsaison.

Natürlich braucht jeder Mensch Symbole des Glücks für den Start in das neue Jahr. Die vierblättrige Pflanze aus der Familie der Hülsenfrüchtler gehört dazu, wobei das für den Erfinder ihres wissenschaftlichen Namens, Carl von Linné, wie Hohn klingen mag, denn er nannte sie Trifolium. Auch der Glücksbringer Schornsteinfeger, der aus schwarzen Pfeifenreinigern gebogen sie oft in ihren kurzlebigen Töpfchen begleitet, stößt nur bedingt auf logische Begründung. Er ist zwar unterm Jahr ein wichtiger Wahrer guter Abgaswerte aus den Heizungen und Verhinderer von Kaminbränden. Ebenso unerfreulich wie unvermeidlich sind aber seine alljährlichen Rechnungen. Vielleicht bringt es ja Glück, sie fristgerecht zu bezahlen.

Ein ganz ungutes Gefühl beschleicht einen gerade dieses Jahr beim Glücksboten Nummer eins, dem Glücksschweinchen, das aus Plüsch, Plastik oder Marzipan die Silvestertische schmückt. Die meisten seiner Vorbilder, die real existierenden Schweine sind in ihren Massenställen eher nicht sehr glücklich. Das wird sich auch im neuen Jahr nicht ändern. Hier fehlt es sogar an den obligatorischen guten Vorsätzen.

Denn es ist nur wenige Wochen her, dass der Deutsche Bundestag das Kastrieren männlicher Ferkel ohne Betäubung für weitere zwei Jahre genehmigte. Für all jene Parlamentarier, die diesem grauenhaften Beschluss zugestimmt haben, müsste das Glückssymbol Schwein um ein Skalpell ergänzt werden, sozusagen zur Schärfung des Bewusstseins. Es ist also nicht absehbar, dass im neuen Jahr wirklich alles besser wird. Aber wir können es uns wenigstens vornehmen.

Manfred Niekisch ist Biologe und ehemaliger Zoodirektor.

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