Nach Randale in Stuttgart

Rassismus bei der Polizei: Audio aus Stuttgart aufgetaucht

  • Katja Thorwarth
    vonKatja Thorwarth
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Nach den Randalen in Stuttgart taucht ein ominöser Audio-Mitschnitt eines Polizisten auf. Der Vorwurf, dass Teile der Polizei extrem rechts sind, ist berechtigt.

  • Nach den Randalen in Stuttgart taucht eine Tonspur eines (vermutlich) Polizisten auf
  • Darin spricht er von „Kanaken“ - und löst eine Welle der Empörung aus
  • Die Tonspur zeigt, warum sich Teile der Polizei den Vorwurf des Rassismus gefallen lassen müssen

Stuttgart - In Stuttgart kam es in der Nacht zum Sonntag (20.06.2020) zu drastischen Auseinandersetzungen zwischen jungen Männern und der Polizei. Vorausgegangen war eine Drogenkontrolle, die eine Solidarität unter den Jugendlichen ausgelöst hätte, wie der Gewaltforscher Andreas Zick gegenüber dem WDR erklärt. Das gemeinsame Feindbild „Polizei“ habe die Eskalation weiter bedingt. 

Festzuhalten bleibt zunächst: „Stuttgart steht noch“ („Kontext: Wochenzeitung“), und zwar trotz zahlreicher eingeschlagener Scheiben und teilweise auch Plünderungen. Einige Aussagen aus Presse und Politik hat die „Kontext Wochenzeitung“ zusammengetragen, die etwas anderes vermuten lassen: Von einer „verwüsteten Innenstadt“ soll etwa die dpa berichtet haben, von einem „Schlachtfeld“ der CDU-Landtagsfraktionschef Wolfgang Reinhart oder aber von „bürgerkriegsähnlichen Zuständen“, wie es die AfD wie gewohnt formuliert. 

Nach Randale in Stuttgart: Tonspur von (vermutlich) Polizist aufgetaucht

An dieser Stelle wird jedoch kein Nachhilfeunterricht dahingehend erteilt, was ein „bürgerkriegsähnlicher Zustand“ tatsächlich bedeutet – zur Not googlet man einfach „Kosovo“ oder „Syrien“. Vielmehr sollte die geneigte Leserin einem Audio-Mitschnitt ihre Aufmerksamkeit schenken, das genau solche Dramatisierungen hervorruft. Es handelt sich hierbei um ein Tondokument eines (vermutlich) Polizisten, der in der Krawallnacht angeblich vor Ort war. Aktuell ermittelt jedenfalls die Polizei in Stuttgart in den eigenen Reihen bezüglich des Dokuments; die Stimme eines Beamten sei bereits identifiziert, schreibt die „Stuttgarter Zeitung“.  

Doch wie ist die Tonspur, die der Frankfurter Rundschau vorliegt, einzuordnen? Interessant ist zunächst, dass unter anderen Oliver Janisch sie auf seinem Telegram-Account teilte. „‘Die Geister die ich rief“. Sie haben das Volk abgelehnt, abschlachten und vergewaltigen lassen, aber den Invasoren geschützt. Nun ernten sie die Früchte ihres Handelns“, ist die „Funkübertragung“ unterschieben.  

Polizist über Randale in Stuttgart: „Land unter“

Janisch ist ein extrem rechter Verschwörungstheoretiker aus dem Bilderbuch. 2017 hatte er noch die AfD im Wahlkampf unterstützt, gerne scheint er mit Fake-News Politik machen zu wollen. Beispielhaft sei an ein von ihm verbreitetes Video erinnert, das zeigen soll, wie Journalisten eine Seenot Geflüchteter „inszenieren“. Es erwies sich als Fälschung. 

Und nun die Tonspur. „Stuttgart heute Nacht. Jetzt haben wir 1.55 Uhr“, heißt es zu Beginn. Kollegen seien „massiv“ mit Flaschen und Steinen beworfen worden, es sei „Land unter“. Das sind bislang nachvollziehbare Aussagen in einer Stresssituation.  

Nach Randale in Stuttgart: An wen ist die Botschaft des Polizisten gerichtet?

Weiter gehe es um „Krawalle, wie in Amerika“, und nun nimmt die Assoziationskette langsam an Fahrt auf – wobei auch das noch als Momentwahrnehmung durchgehen könnte. Die die Zuhörerin angeblich „nicht nur mithören (kann), das siehst du ja live“. Nein, denn es gibt keinerlei laute Hintergrundgeräusche und keine Bilder . Im Hintergrund ist ab und an wohl Polizeifunk zu vernehmen.  

Nach den Randalen und Plünderungen in Stuttgart ist eine Tonspur eines Polizisten aufgetaucht, die tief blicken lässt.

Dann sagt der Sprechende: „Leute, bleibt bloß daheim“. Laut Staatsanwaltschaft soll es sich „wahrscheinlich“ um eine Sprachnachricht über Whatsapp handeln; also an wen ist die Botschaft gerichtet? Auf Grundlage der Ereignisse müsste er als angeblich teilnehmender Beamte in einer extremen Stresssituation sein, doch seine Tonlage ist erstaunlich emotionsbefreit. Wer soll zuhause bleiben? Die Kolleg*innen wohl nicht, das wäre ja sozusagen Aufruf zur Fahnenflucht. Also richtet sich das an Leute aus irgendeinem ominösen Whatsapp-Chat?  

„Nur Kanaken“: Polizist entlarvt sich nach Randale in Stuttgart selbst

Doch weiter im Text. „Ich will hoffen, das kommt auch in den Medien.“ Klar, und wie. Hendrik M. Broder beispielsweise hat sich in dem rechten Blog „Ach gut“ darauf gestürzt und von einer „kleinen Kristallnacht“ in Stuttgart schwadroniert, verharmlost so die Shoa und instrumentalisiert sie.  

Aber das ist ein anderes Thema, unser (vermutlich) Polizist spricht immerhin von Krieg: „Das ist Krieg, wir befinden uns gerade heute Nacht im Krieg.“ Tonal unaufgeregt schafft er eine Dramatisierung und stilisiert aus jugendlichen Randalierern externe Feinde, die mit Waffengewalt (das ist dem Krieg implizit) sein Stuttgart zu unterjochen versuchen. Was natürlich auch nahe liegt, denn es seien „nur Kanaken“. Also nur „Kanaken“, mit denen wir es zu tun haben, was seine Kriegsrhetorik bereits ankündigt. 

Mit dem „Kanaken“-Begriff entlarvt er schließlich vollends seine Person als auch seine Strategie. Er konstruiert eine Bedrohung von außen, gegen sein Deutschland, die sich an jenem Abend angeblich in Stuttgart entlädt, aber so gefährlich sei, dass jetzt mit voller Wucht dagegen gehalten werden muss. Ist ja „Krieg“ - gegen die „Kanaken“, die ihn im Schwabenland gestartet haben. „Wenn du eine Uniform trägst, gute Nacht...nur Opfer“. Man müsse sich wundern, dass „keiner erschossen worden ist“, usw.usf.

Polizist zeigt mit Tonspur: Rassismus-Vorwurf gegen Polizei teilweise berechtigt

Fazit: Da mittlerweile die Stimme des Polizisten identifiziert wurde, kann es zu der Tonspur nicht viele Lesarten geben. Es scheint sich um einen Beamten zu handeln, der nicht ins Geschehen aktiv involviert war. Dann wäre die Stimmlage eine andere. Gleichsam hat er das Bedürfnis, die Ereignisse mit sämtlichen Keywords der extremen Rechten zu schmücken, die stetig eine Invasion von aus ihrer Definition nicht „richtigen Deutschen“ behaupten. 

Es liegt nahe, dass hier ein rechts orientierter Polizist über das Mittel der Dramatisierung und Feindbildbestätigung in die Stimmung in diesem Land eingreifen wollte. Genau das zeigt, dass Teile der Polizei nicht zu Unrecht im Verdacht stehen, extrem rechtsgedreht zu sein. Die Aufarbeitung von Stuttgart gestaltet sich also komplexer als zunächst angenommen. (Von Katja Thorwarth) 

Unterdessen hat sich Horst Seehofer gegen eine Anzeige gegen die taz entschieden. Thomas Kaspar meint: Horst Seehofer ist in der Causa taz gerade noch richtig abgebogen.

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