Kann ein Virus das Zusammenleben ändern, vielleicht dauerhaft?
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Kann ein Virus das Zusammenleben ändern, vielleicht dauerhaft?

Maßnahmen gegen Sars-CoV2

Die Stunde der Experten

  • vonRichard Meng
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Was in Zeiten des Coronavirus angemessen oder überzogen ist, werden wir erst hinterher wissen - wenn überhaupt. Die Kolumne.

Selten waren wir alle so abhängig. Ganze Regionen werden abgeschirmt, Tausenden wird Quarantäne verordnet, öffentliches Leben generell wird eingeschränkt. Von wem? Diesmal ist nicht wirklich die Politik federführend bei dem, was sie durchsetzt. Es regiert das Robert-Koch-Institut. In Sachen Corona hat die Stunde der Experten geschlagen. Unangreifbar, unerbittlich, unvermeidbar. Allumfassend wie seit Menschengedenken nicht mehr.

Die Umsetzung des Notwendigen (Angela Merkel) steht auf dem Programm. Das Mantra: Im Zweifel für die Gesundheit, überstrahlt all die Abwägungsprozesse, die sonst das Politische ausmachen. Die zwischen Wirtschaft und Sozialem, die zwischen Kosten und Wirkung, auch die zwischen kollektiven Regeln und persönlicher Freiheit. In neuer Art werden selbst Talkshows zu Bühnen der Krisenkommunikation.

Ist es Freiheitsentzug, wenn für Menschen ohne Virussymptome Hausarrest verordnet wird? Wenn Kultur und Sport zwangsausfallen, aus Solidaritätsgründen mit den Risikogruppen? Kann ein Virus das Zusammenleben ändern, vielleicht dauerhaft? Da lässt sich vieles noch gar nicht überblicken. Aber klar ist: Wenn Solidarität in Selbstschutz zuerst umschlägt, zeigt sich ein ziemlich hässliches Gesicht. Die Steine, die in der Ukraine auf einen Bus mit China-Rückkehrern prasselten, waren eine aggressive Botschaft, ein Signal der Ausgrenzung.

Experten wünschen sich das Beste, das Maximale. Bisher – ein Lob den professoralen Virusverstehern – kommen sie bedacht und maßvoll rüber, anders als es manchmal bei Polizei- oder Feuerwehrgenerälen der Fall war.

Doch es sage niemand, dass nicht gerade Spezialisten manchmal den Tunnelblick bekommen. Brandschutz, Katastrophenschutz, Denkmalschutz, sogar Datenschutz: Immer gibt es viel Wünschbares, Sinnvolles und doch nicht immer Wirksames, das dann abgewogen werden muss hinsichtlich Kosten/Nutzen und widerstreitender Werte.

Stets war es die Politik, die diese Abwägung möglichst eigenständig im öffentlichen Meinungsstreit und nicht selten im föderalen Kompetenzgerangel zu erledigen hatte. Mal mit gelungenen Ergebnissen, mal mit missratenen Kompromissen, oft ohne Konsens, häufig unter Vertagen von Entscheidungen. Im Fall Corona bleibt ihr nur das Prinzip Expertenvertrauen. Von Randfragen abgesehen wie dem Aussteuern von Haftungsrisiken, weshalb mitunter lieber empfohlen wird als verordnet.

Gleichwohl: So viel Durchregieren von oben war selten. Katastrophenschutz tickt immer zentralistisch. Und nicht nur die Krise selbst, auch Krisenkommunikation kann wirken wie ein Tsunami. Auf einmal gibt es ihn wieder, den starken Staat, und alle finden ihn gut. Obwohl er die Lage nicht überblickt. Und demnächst vielleicht auch die Wirtschaft noch kollabiert. Zwang der Verhältnisse, das ist die Grundmelodie dieser Tage.

Nun also Geborgenheit wenigstens im Mainstream solidarischer Vorsorge – solange die Argumentation der Krisenmanager plausibel klingt und international abgestimmt ist. Was angemessen und was überzogen ist bei all den Pandemieverlangsamungsmaßnahmen, was Aktionismus bleibt und was hilft: Bestenfalls hinterher werden wir es wissen, wahrscheinlich selbst dann nicht.

Aber was heißt bei Corona schon hinterher? Das Virus wird bleiben, auch wenn die Angst davor irgendwann nicht mehr so ansteckend ist wie gerade jetzt. Und die offene Gesellschaft hoffentlich überlebt hat. Experten für diesen Patienten sind wir immer noch alle.

Richard Meng ist freier Autor und Kuratoriumsvorsitzender der Karl-Gerold-Stiftung.

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