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Strukturen der Sünde

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Die katholische Kirche muss die Ursachen des Missbrauchs erforschen. Es geht dabei um nicht weniger als die Glaubwürdigkeit ihrer Botschaft.

Von Stephan Goertz

Der Missbrauchsskandal ist im vergangenen Jahr mit solcher Wucht über die katholische Kirche nicht nur in Deutschland gekommen, dass sie der Frage nicht mehr ausweichen kann, welchen möglichen Anteil an diesen Verbrechen die kirchlichen Strukturen selbst haben.

Im engeren Bereich der kirchlichen Lehre und Verkündigung muss die Kirche ihre Sexualmoral einer kritischen Prüfung unterziehen. Sie muss eine Vorstellungswelt verlassen, in der Sexualität in erster Linie als scham- und schuldbehaftet betrachtet wird. Homosexualität darf etwa nicht länger unter dem Vorzeichen von „Defekt“ oder gar „Krankheit“ gesehen werden. Überdies muss die Kirche eine Form von Sprachfähigkeit (wieder-)gewinnen, die ihr überhaupt erst den Dialog mit der säkularen Gesellschaft und den Humanwissenschaften ermöglicht.

Nicht weniger dringlich erscheint nicht nur ein klares Bekenntnis zur Gleichberechtigung von Mann und Frau, sondern auch zu einer selbstbestimmten, autonomen Lebensführung. Sexuelle Gewalt ist ja im Kern auch ein Missbrauch von Macht. Häufig sind Frauen dabei die Opfer. Hier wäre zu wünschen, dass die katholische Kirche anerkennt, dass es die liberale, säkulare Gesellschaft gewesen ist, die in den letzten Jahrzehnten Gewalt gegen Kinder und Frauen auf die Tagesordnung gesetzt hat.

Im Verhältnis zu den Gläubigen muss die Kirche die Mündigkeit und Kritikfähigkeit der Laien ernst nehmen, ebenso wie eine legitime Widerständigkeit gegenüber falsch verstandener kirchlicher Autorität. Nur so können gerade Kinder und Jugendliche in den Stand versetzt werden, sich gegen etwaige Übergriffe von Klerikern zur Wehr zu setzen.

Es ist ein ermutigendes Signal, dass die Bischofskonferenz den Zusammenhang zwischen kirchlichen Strukturen und sexuellem Missbrauch wissenschaftlich erforschen lassen will. Denn in ihrer Selbstreflexion ist die Kirche der Frage nach „sündigen Strukturen“ bislang doch häufig ausgewichen, obwohl sie theologisch und soziologisch längst im Raum steht. Dass die Kirche eine „Gemeinschaft von Sündern“ ist, ist ein trivialer Befund – das Fehlverhalten Einzelner gibt es schließlich überall, wo Menschen zusammenleben. Viel gravierender ist die Frage nach „Strukturen der Sünde“ in der Kirche. Hier geht es darum, dass die Verfassung der Kirche selbst ein bestimmtes Fehlverhalten ermöglichen, begünstigen oder befördern kann. Hier sind zu nennen: eine unzureichende Rechtskultur in der Kirche, die übersteigerte Sorge um das eigene Ansehen, der Mangel an Transparenz und dialogischer Kommunikation, die eben nicht nur „von oben nach unten“ verlaufen darf. Diese Gemengelage konnte dazu führen, dass den Tätern, die sich im Raum der Kirche an Kindern und Jugendlichen vergangen haben, nicht wirkungsvoll Einhalt geboten worden ist.

Wenn sich die Kirche dies als „sündige Struktur“ zurechnet, bedeutet das auch, sich einer falschen, weil einseitigen Vorstellung von „Heiligkeit“ und „Makellosigkeit“ der konkreten Gestalt von Kirche zu verweigern. Dann muss nicht mehr diskret verschwiegen oder vertuscht werden, wenn Männer der Kirche sich schuldig machen. Im Fall von sexuellem Missbrauch verhindert das echte Sensibilität und Offenheit für die Perspektive der Opfer.

In seinem Brief an die Katholiken Irlands zum dortigen Missbrauchsskandal hat Papst Benedikt XVI. den Ansatz für ein solchermaßen verändertes Selbstverständnis der Kirche angedeutet, indem er für eine „offene Ursachensuche“ plädiert: „Nur durch sorgfältige Prüfung der vielen Faktoren, die zum Entstehen der augenblicklichen Krise geführt haben, kann eine klare Diagnose ihrer Gründe unternommen und können wirkungsvolle Gegenmaßnahmen gefunden werden.“

Der Leidensdruck und der Schmerz angesichts der zahlreichen Missbrauchsfälle und des massiven Glaubwürdigkeitsverlusts der Kirche haben bei vielen Bischöfen die Einsicht bewirkt, dass es kein „Weiter so“ geben kann. Andererseits gibt es eine gewisse Trägheit von Institutionen, die eigenen Strukturen auf den Prüfstand zu stellen. Was im Staat, in Wirtschaft und Gesellschaft zu beobachten ist, gilt genauso für die Kirche. Es wäre für die Kirche fatal, wenn sich diejenigen durchsetzen würden, die lieber heute als morgen zur Tagesordnung zurückkehren und den jetzt notwendigen Debatten ausweichen wollen. Sie trösten sich womöglich mit dem Abebben der (medien-)öffentlichen Erregungswelle. In Wahrheit geht es aber nicht um das Bild der Kirche in den Medien, sondern um ihren Wesenskern: das glaubwürdige Zeugnis ihrer Botschaft. Daran müsste sie auch dann arbeiten, wenn sich die Öffentlichkeit überhaupt nicht mehr für das Thema Missbrauch interessierte.

Der Lackmustest für die Lern- und Veränderungsbereitschaft der Kirche ist das Maß an Offenheit, das Papst und Bischöfe der innerkirchlichen Debatte zugestehen: Wie viel Kritik werden sie zulassen? Werden sie sich einer schonungslosen Analyse kirchlichen Versagens stellen? Welche Themen werden angesprochen, welche nicht? Die gerade erst begonnene Aufarbeitung des Skandals zu bremsen oder zu blockieren, wäre jedenfalls das Schlimmste, was jetzt passieren kann.

Prof. Stephan Goertz, geboren 1964, lehrt Moraltheologie an der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz. Er ist Mitherausgeber des Buches: "Sexuelle Gewalt. Fragen an Kirche und Theologie".

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