Kolumne

Strategische Faulheit

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Das Faultier lebt vor, wie man Energie sparen kann. Die Übertragung auf den Menschen ist zwar wenig realistisch, hat aber einen genialen Fürsprecher.

Allmählich sollte es sich herumgesprochen haben, dass die natürlichen Ressourcen dieser Erde endlich sind und wir deswegen deren Nutzung viel effizienter gestalten müssen. Und dass es nötig ist, Energie zu sparen. Beides ist gut für die Umwelt und den Geldbeutel. Noch glauben viele Staaten, Mitbürgerinnen und Mitbürger, aus dem Vollen schöpfen zu können. Sie verschleudern die Vorräte der Erde, statt sie nachhaltig zu bewirtschaften.

Könnte da vielleicht das Faultier Denkanstöße für Ressourceneffizienz im Menschenreich liefern? Es ist für die meisten Menschen ein niedlicher Sympathieträger, jedenfalls denkt bei ihm niemand an Verwerfliches. Man sieht ihm nicht an, dass seine vordergründige Faulheit eine raffinierte Überlebensstrategie ist.

Als reiner Blätteresser nimmt das Faultier ausschließlich nährstoffarme Nahrung zu sich und bekommt so wenig Energie. Es muss folglich dauerhaft im Energiesparmodus leben. Lieblingsspeise der Faultiere sind die Blätter der Ameisenbäume, an die sich ansonsten kein Tier herantraut.

Denn diese Bäume beherbergen, der Name lässt es erahnen, aggressive Ameisen. Werden sie alarmiert, etwa weil ein Affe in den Baum springt, stürzen sie sich auf ihn. Zwar nicht mit Gebrüll, aber mit heftigen Bissen. Damit sind die Blätter vor Fressfeinden geschützt. Im Gegenzug bietet der Baum den Ameisen Versteck und Pflanzensäfte.

Faultiere aber hintergehen diese Baumschutz-Strategie der Natur. Sie bewegen sich so langsam, dass die kampfeslustigen Insekten den Eindringling nicht bemerken. Der kann ganz in Ruhe in die Baumkrone klettern und sich an dem Grün laben. Und da sich die Langsamkeit beim Fressen bewährt hat, kommt sie auch bei der Verdauung zum Tragen. Das Faultier klettert nur im Wochenabstand vom Baum herab, um Kot abzusetzen.

Mit dieser Lebensweise besetzt es eine ökologische Nische, die es mit keinem anderen Tier teilen muss und kann so konkurrenzlos leben. Noch dazu ist es durch den Bewegungsmangel bestens getarnt vor Greifvögeln, die sich gern ihre Beute aus dem Blätterdach des Urwalds greifen.

Die Faulheit erweist sich als rundherum sinnvolle Strategie. Sogar der König der Tiere, der Löwe, verschläft die meiste Zeit seines Lebens, um keine Energie zu vergeuden. Er spart sie auf für die Jagd, das Fressen und die Paarung. Solche Lebensstile sind kaum auf den Menschen übertragbar. Wir haben eben andere Ansprüche und verlernt, sparsam mit Ressourcen umzugehen. Menschliche Faulpelze sind zudem als unsozial verpönt, weil sie allzu wenig beitragen zum gesellschaftlichen Leben.

Und doch gibt es höchst angesehene Befürworter der Faulheit. Dazu gehört ganz unbestritten ein genialer Deutscher. Er lud einst seinen Sohn ins Ferienhaus ein mit den Worten: „Sei ein gutes faules Tier, streck alle Viere weit von Dir. Komm nach Caputh, pfeif auf die Welt, und auf Papa, wenn Dir’s gefällt“. Der dichtende Papa hieß Albert Einstein, der aber zugegebenermaßen seinen Nobelpreis nicht deswegen bekam, weil er ein Verfechter der Faulheit war.

Eine weitere Kolumne von Manfred Niekisch handelt von den Vorsätzen fürs neue Jahr: Nach Weihnachten rücken alljährlich gute Vorsätze für das neue Jahr ins Blickfeld. Manche davon könnten zu kollektivem Handeln führen und schnell tragfähig werden.

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