Gastbeitrag

Verkehr managen statt Flugtaxis

Die Luftfahrt vermeidet Staus, weil Flüge aufeinander abgestimmt werden. Man könnte daraus viel lernen für den Straßenverkehr.

Mit dem Smartphone sind wir es schon einige Jahre: mobil. Auf dem täglichen Weg zur Arbeit ist häufig nichts im Fluss. Es stockt überall und kostet Geld und Zeit. Es lohnt sich dennoch, auf dem Boden zu bleiben, statt von Flugtaxis zu träumen.

2017 war das Staurekordjahr – mit erheblichen Kosten für die Allgemeinheit (mehr als 80 Milliarden Euro laut Analysten) und für den individuellen Pendler (fast 3000 Euro etwa in München oder Berlin). Was kaum einer sieht: Im europäischen Luftraum sind Staus heute genauso alltäglich wie auf den Straßen. Allerdings gehen die zuständigen Behörden dagegen systematisch vor – anders als auf den Straßen.

Denn die Luftaufsicht Eurocontrol vergibt regelmäßig Airway Slots. Dies bedeutet: Die Flugzeuge bekommen im Falle eines hohen Aufkommens eine andere Startzeit als geplant zugeschrieben. So wird sichergestellt, dass Flugzeuge nicht in der Luft warten müssen. Stattdessen bleiben sie solange am Boden, bis genügend Kapazitäten für einen ungehinderten Flug zur Verfügung stehen. Dies ist ökologisch und ökonomisch sinnvoll, weil so der Brennstoffverbrauch reduziert wird. Warum wird dieser Ansatz eigentlich nicht auf die Straße übertragen?

Dies würde bedeuten: Autofahren wird – jedenfalls dort, wo eine strukturelle Verstopfung droht – an Fahrpläne geknüpft. Als Autofahrerin oder Lkw-Fahrer müsste man seine Absicht kundtun, Fahrten anzutreten. Eine Behörde übernimmt das, was Eurocontrol im Flugraum macht. Sie nimmt die Interessenbekundung entgegen und prüft, ob die angestrebte Fahrtstrecke Engpässe umfasst.

Wenn dies der Fall ist, wird die Fahrt an einen Slot geknüpft. Die Menge an ausgegebenen Slots wird so berechnet, dass Staus grundsätzlich vermieden werden. Gegebenenfalls muss der Betroffene oder die Betroffene eine veränderte Zeit für den Antritt ihrer Fahrt in Kauf nehmen. Erwerb, Handel und Überprüfung von Slots: alles digital.

Eine Slotvergabe für individuelle Fahrten – das klingt kompliziert und unbequem. Slotmanagement muss aber in einer vollkommen digitalen Umgebung gedacht werden. Dann werden Nachteile, die heute erkennbar sind, weitgehend relativiert. Die Beantragung und Zuteilung der Slots werden weitgehend automatisiert ablaufen.

Vorstellbar ist beispielsweise, dass künstliche Intelligenz nicht nur weiß, wann Autofahrten in aller Regel angetreten werden, sondern auch Veränderungen – etwa einen auf eine andere Weckzeit umgestellten Handywecker oder einen besonderen Eintrag im elektronischen Kalender – richtig interpretiert.

Das Smartphone nimmt dann diese Informationen auf und beantragt selbstständig Slots. Und die Digitalisierung macht auch einen kurzfristigen Handel von Slots durch Autofahrerinnen und -fahrer untereinander möglich. Vollkommen unmerklich wird die Slotzuteilung dann mit dem autonomen Fahren. Das Gleiche gilt für die Kontrolle, die ebenfalls vollkommen elektronisch ablaufen kann. Die Folge wäre mehr Nachhaltigkeit durch Slots, nicht nur für den Verkehrssektor.

Carsharing und autonomes Fahren gelten als Schlüsselelemente für die Mobilität der Zukunft. Ob sie zu mehr Nachhaltigkeit im Verkehrssektor beitragen, ist umstritten. In Verbindung mit Slotmanagement lässt sich aber ein Höchstmaß an Effizienz erreichen, was den Einsatz oder die Inanspruchnahme von öffentlichen Ressourcen wie Straßen und Parkplätze angeht.

Mehr noch: Slots helfen nicht nur, Staus zu vermeiden, sondern auch, Grenzwertüberschreitungen wie CO2-Ausstoß, Feinstaub, Lärm und vieles mehr zielgenau einzuhalten. Der wichtigste Vorteil tritt aber ein, wenn man von einem vollkommen elektrischen Individualverkehr ausgeht.

Dann müssen Anforderungen des Stromnetzes berücksichtigt werden: vor allem die Frequenzhaltung, die Spannungsstabilität und möglicherweise auch das Bereitstellen von Blindleistung. Die Slotvergabe ermöglicht es, auch die Situation im Stromnetz zu berücksichtigen.

Es gibt trotzdem ein mögliches schwerwiegendes Argument, nämlich den Datenschutz. Doch wie glaubwürdig ist dieser Hinweis, wenn man sich die Realität vor Augen führt? Navigationssysteme gehören heute zum Standard. Die Vorstellung, keiner wisse, wohin man fährt, ist schon heute eine Chimäre.

Datenschutz muss natürlich ernst genommen werden. Aber er sollte genauso wenig wie die Macht der Gewohnheit davon abhalten, endlich ein intelligentes und effektives Straßenmanagement zu erreichen.

Mobilität ist als Gut zu kostbar, als dass man sich auf Dauer damit abfinden könnte, dass es durch den strukturellen Stau so maßgeblich beschädigt wird, wie es heute der Fall ist.

René Mono ist Vorstandsmitglied der 100-Prozent-Erneuerbar-Stiftung.

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