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Der Hindenburgplatz in Münster wird in "Schlossplatz" umbenannt.
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Der Hindenburgplatz in Münster wird in "Schlossplatz" umbenannt.

Kolumne

Straßennamen - gute und böse Zeitzeugen

Straßennamen sind geronnene Geschichte. Sie sollten wie Friedhöfe als Dokumente vergangener Zeiten begriffen werden.

Von Götz Aly

Während des Staatsakts für die zehn Mordopfer der Terrorgruppe Nationalsozialistischer Untergrund trat Ismail Yozgat aufs Podium und sagte: „Mein ermordeter Sohn Halit ist in der Holländischen Straße 82 in Kassel geboren und am selben Ort im Alter von 21 Jahren erschossen worden. Wir als Familie möchten die Holländische Straße gerne in Halit-Straße benennen lassen.“ Seither wird in Kassel das Für und Wider erwogen.

Die CDU-Fraktion sträubt sich. Aus gänzlich anderen Gründen wurde vergangene Woche in Münster der Hindenburgplatz ?n Schlossplatz umgetauft. W?e Hindenburg gelten den Verantwortlichen als „problematisch“: Agnes Miegel („Hitler-Bewunderin“) sowie ein Sportfunktionär, ein Komponist und ein Heimatdichter. Der CDU-Oberbürgermeister begründet die Umbenennung des Hindenburgplatzes damit, dass der greise Reichspräsident kein Vorbild sei. Seit wann benennen wir Straßen nach Vorbildern?

Eine Halit-Yozgat-Straße kann in Kassel die Erinnerung an ein schweres politisches Verbrechen wachhalten. Anders als in Münster träfe die Umbenennung zufällig jene Straße, in der dieser Mord geschah. Dasselbe könnte im brandenburgischen Eberswalde geschehen. Dort wogt seit Monaten ein Streit, ob die Straße, in der der Angolaner Amadeu Antonio vor bald 22?Jahren zu Tode geprügelt wurde, nun endlich den Namen des Opfers tragen soll. Hier ist es ein FDP-Bürgermeister, der politisch herumeiert. Es gibt sehr viele Gegenstimmen, zum Beispiel diese „antifaschistisch“ grundierte: „Mein Großonkel wurde von Nazis umgebracht. Eine Straße wurde nicht nach ihm umbenannt. Gut so.“ D?e Bürger von Eberswalde ertragen keine Amadeu-Antonio-Straße.

Straßennamen dokumentieren Vorlieben und Irrtümer

Gemessen an den politischen Streits in Eberswalde und Kassel erscheint die Straßenumbenennung in Münster als billige Rechthaberei. Sofern Straßen die Namen von Menschen tragen, erinnern sie nicht an Vorbilder, sondern an jene Kriterien, nach denen sich die Namensgeber in ihrer Zeit richteten. Sie dokumentieren Sitten, Vorlieben, Moden und Irrtümer. Natürlich waren weder Kaiser Wilhelm I. oder II. Vorbilder noch Bismarck oder Friedrich II. Aber sollen wir deshalb Straßen und Plätze umbenennen? Solche Namen werden entpolitisiert und in den Alltag eingeschmolzen. Es geht ihnen nicht besser als der Spanischen Allee in Berlin-Zehlendorf. Sie erhielt ihren Namen 1939 zu Ehren der Legion Condor. Dafür interessiert sich heute kein Mensch mehr; die Leute denken bei diesem Namen nicht an die Verherrlichung des Bombenangriffs auf Guernica, sondern an Badeurlaub.

Ebenfalls in Zehlendorf gibt es seit 1906 eine Iltisstraße. Namensgebend war das Kanonenboot „Iltis“ der Kaiserlichen Kriegsmarine, das 1900 in China eingesetzt wurde, um den Boxeraufstand niederzuschlagen. Heute denkt jeder, der martialisch gemeinte Name gehöre in die Kategorie Wasserkäfersteig. Auch umgekehrt sollte man nicht allzu genau hinsehen: Die Carl-Schurz-Straße, die in Berlin-Spandau an einen herausragenden Revolutionär von 1848 und an einen – wie ich finde – vorbildlichen (später amerikanischen) Politiker erinnert, haben wir seit dem 15. März 1939. Umbenennen? Straßennamen sind geronnene Geschichte. Von Ausnahmen abgesehen, sollten sie wie Friedhöfe und Bauwerke als Dokumente vergangener Zeiten begriffen werden – ?n dieser oder jener Weise lehrreich.

Götz Aly ist Historiker.

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