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Bill Cosby ist zu drei Jahren Haft verurteilt worden.

#Metoo

Strafen reichen nicht

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Auch der Fall Cosby zeigt: Die westlichen Gesellschaften brauchen einen Kulturwandel im Umgang mit sexueller Belästigung. Der Leitartikel.

Bill Cosby muss lange ins Gefängnis. Verurteilt wurde er bereits im April, nachdem ihn 60 Frauen beschuldigten, sie sexuell genötigt zu haben. Der Prozess gegen Harvey Weinstein läuft noch. Cosby war ein wichtiger Fall, aber es waren Weinsteins Taten, deren Aufdeckung 2017 die „MeToo“-Bewegung gegen sexuelle Gewalt und Belästigung ins Rollen brachte. Auch Weinstein droht eine hohe Haftstrafe.

Diese Haftstrafen für Cosby und Weinstein werden aber nicht reichen, um die Debatte zu beenden. Die westlichen Gesellschaften brauchen einen nachhaltigen Kulturwandel im Umgang mit sexueller Belästigung. Oft wird geklagt, bei „MeToo“ würden unzulässig brutale Vergewaltigung und „harmlose“ Anzüglichkeiten wie eklige Sprüche oder Po-Tätscheln vermengt.

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Doch da ist jede Sorge unnötig: Die Betroffenen – zwar mehrheitlich, aber nicht allein Frauen – kennen den Unterschied sehr wohl. Und die Gemeinsamkeit der verschiedenen Übergriffe ist ohnehin wichtiger: dass nämlich überhaupt nichts davon passieren sollte.
Eine weitere Gemeinsamkeit besteht darin, dass die meisten Täter sich ihren Opfern gegenüber in einer beruflichen oder sozialen Machtstellung befanden. Die Mentalität des „Der soll sich mal nicht so anstellen“, des „Mädel, sei nicht so humorlos“, ist Ausdruck falscher Überzeugungen und Verharmlosungen.

Dies gesteht denen, die Macht besitzen, mehr Schutz und mehr Freiheiten zu als jenen ohne Macht. Denn eine strafbare Handlung ist da nicht ohne weiteres nachzuweisen. Das ist das Neue im „MeToo“-Zeitalter: Inzwischen bleibt den Ohnmächtigen etwas mehr als nichts. Ihnen bleibt der öffentliche Aufschrei, der inzwischen immerhin ernster genommen wird als vor Bekanntwerden der vieldiskutierten Fälle Weinstein und Cosby.

Das Kleinreden der Taten, die nicht oder nicht mehr juristisch aufgearbeitet werden können, manifestiert diese Ohnmacht. So wird Machtlosigkeit der Opfer immer und immer wieder reproduziert, verschärft, vertieft.

Das Grundgesetz aber stellt allen weiteren Regeln nicht ohne Grund die Unantastbarkeit der Würde voran. „MeToo“ hat gezeigt, dass Gesetze das allein nicht garantieren können – sondern eben ein Kulturwandel nötig ist. Das wirft freilich neue Fragen auf. Schließlich sind der Rechtsstaat und die Unschuldsvermutung ebenso Teile unseres Wertesystems.

Daher ist es berechtigt, wenn manche Strafrechtlerin die „MeToo“-Dynamiken mit Unbehagen betrachtet. Die öffentliche Wahrnehmung der Bewegung ist in vielen Köpfen diese: Ein Mensch wird beschuldigt, und auch wenn der Vorgang juristisch keine Folgen hat, kann sein Leben ruiniert sein. Er wird sozial geächtet und verliert möglicherweise Job, Freunde, Familie. Es kann auch zu Falschanschuldigungen kommen.

Die Schattenseiten von „MeToo“ dürfen nicht unter den Teppich gekehrt werden. Aber was sollte daraus folgen? Die Grenzüberschreitungen, um die es geht, haben es an sich, dass sie oft nicht abschließend bewiesen werden können.

Das heißt nicht, dass sie nicht passiert sind, im Gegenteil agieren die meisten Täter ja bewusst im Schutzraum des Privaten – Hotelzimmer, Treppenhäuser, hinter geschlossener Bürotür.
Es kann nicht sein, dass die unmögliche Lage, in die sie ihre Opfer bringen, sie im Nachhinein auch noch schützt. Leider gibt es keine verlässliche Methode, um zu verhindern, dass es zu Falschbeschuldigungen kommt – außer man verbietet mutmaßlichen Opfern direkt oder indirekt, sich öffentlich zu äußern. Die soziale Ächtung, die nun endlich großflächig die Übergriffigen trifft, würde so mit voller Wucht auf die Opfer zurückfallen.

So, wie es zuvor jahrhundertelang war: neben den psychischen, posttraumatischen Folgen der wichtigste Grund, warum manche so lange und viele für immer geschwiegen haben. „MeToo“ ist nun die Umkehr der Verhältnisse: Die Bewegung stärkt Opfer und Zeugen, sie reißt sie aus der Einsamkeit, verleiht ihnen Macht, die ihnen gefehlt hat, als sie zu Opfern wurden.

Die Lösung ist nicht einfacher als zuvor: Sollen „MeToo“ und seine Probleme verschwinden, muss der Grund seines Entstehens verschwinden. Bill Cosby und vermutlich Weinstein erwarten wohl harte Gerichtsurteile. Doch es reicht nicht, die angeblichen „Monster“ zu bestrafen. Menschen in hierarchisch hohen Positionen muss von Anfang an bewusst sein, dass ihnen im Gebrauch ihrer Macht strenge Grenzen gesetzt sind. Nicht nur die Politik ist deshalb in der Verantwortung, sondern jeder Arbeitgeber, jedes Elternteil, jeder Einzelne.

Wenn „MeToo“ verschwinden soll, müssen die Verhältnisse entkräftet werden, die Männer und Frauen dazu ermächtigen, erst übergriffig zu werden und sich dann von einer Kultur der Angst vor ihrer Macht schützen zu lassen. Die Schutzräume des Schweigens müssen für immer versperrt werden.

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