Wirtschaftsminister mit Delle: Ein Schrumpfen des Bruttoinlandsprodukts um 5,8 Prozent ist der größte Rückschlag in der Nachkriegsgeschichte.
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Wirtschaftsminister mit Delle: Ein Schrumpfen des Bruttoinlandsprodukts um 5,8 Prozent ist der größte Rückschlag in der Nachkriegsgeschichte.

Leitartikel

Stoff für Lehrbücher

  • Frank-Thomas Wenzel
    vonFrank-Thomas Wenzel
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Die Folgen der Corona-Krise für die Wirtschaft sind noch immer nicht klar. Die Bundesregierung muss sich auf weitere Hilfsprogramme einstellen und mehr für Benachteiligte tun. Der Leitartikel.

Das wurde auch langsam Zeit: Die Bundesregierung hat ihre Konjunkturprognose für dieses Jahr nach oben korrigiert. Die Wirtschaftsleistung soll „nur“ noch um 5,8 Prozent sinken, im April erwartete Wirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) noch ein Minus von 6,3 Prozent. Schon seit Mitte August ist klar, dass es im dritten Quartal (Anfang Juli bis Ende September) einen fulminanten Aufschwung geben wird. Die Rezession ist damit erst einmal beendet.

Mitte August ist der Lkw-Fahrleistungsindex heftig in die Höhe gehüpft, die Werte aus den ersten Wochen des Jahres – also vor Corona – wurden deutlich übertroffen. Diese Kennziffern sind wichtig, denn sie sind ein verlässliches Barometer für die rasant gestiegene Industrieproduktion.

Was gerade passiert, bietet enorm viel Stoff für Lehrbücher zur Ökonomie: Denn wir erleben die merkwürdigste Entwicklung seit Beginn der systematischen Konjunkturaufzeichnungen. Der massive Einbruch dauerte noch nicht einmal drei Monate und führt unmittelbar in eine Boomphase.

Die enormen Kräfte, die bei der Vollbremsung mit anschließendem Vollgas wirken, werden langsam erkennbar: Maßgeblich waren nicht die vieldiskutierten Einbußen bei Handel und Gastronomie, sondern ein bislang nicht gekannter Absturz der Industrie. Das hat viel mit gerissenen Lieferketten und massiv geschrumpften Exporten von Fahrzeugen, Maschinen oder chemischen Produkten zu tun, was wiederum seine Ursache in Produktionsstopps in anderen EU-Ländern oder in China hatte.

Mit dem Ende der Corona-Beschränkungen hierzulande und anderswo ging es rasant bergauf. In der Industrie füllen sich Auftragsbücher wieder. Das zieht den Dienstleistungssektor mit. Und das Baugewerbe hat ohnehin dank der Niedrigzinspolitik der Europäischen Zentralbank einen Durchmarsch hingelegt. Und auch in der Schlüsselbranche Kraftfahrzeugbau bessert sich die Lage deutlich. Hier sind die immer wieder beschworenen Nachholeffekte zu spüren.

Händler und Hersteller können ihre Lagerbestände abbauen, weil Anschaffungen getätigt werden, die den Kunden zwischen Peking und Paris im tiefsten Tal der Krise zu heikel waren.

Ist also alles wieder gut? Nichts ist gut. Ein Schrumpfen des Bruttoinlandsprodukts um 5,8 Prozent ist immer noch der größte Rückschlag in der Nachkriegsgeschichte. Zwar steigt die Zahl der Aufträge für die Industrie seit Mai kontinuierlich, aber sie kamen von einem extrem niedrigen Niveau. Frühestens 2022 kann das Niveau von vor der Corona-Krise wieder erreicht werden. Doch die Infektionszahlen steigen schon wieder, einen zweiten Lockdown darf es aber weder hierzulande noch anderswo geben – die Folgen wären nicht absehbar.

Die Politik muss deshalb nicht nur durch eine Phase navigieren, in der es gelingen muss, immer wieder auftretende Infektionsherde möglichst lokal einzudämmen, was gut und gerne noch zwei Jahre so weitergehen kann. Noch viel entscheidender wird, dass sich die ökonomische Erholung vermutlich schon zum Ende des Jahres verlangsamt – wenn Nachholeffekte aufgebraucht sind.

Zudem müssen wir davon ausgehen, dass verschiedene Branchen in eine Dauerkrise mit anschließenden verschärften Strukturumbrüchen rutschen werden, insbesondere in der Luftfahrt und im weltweiten Tourismus.

All das bedeutet: Es wird ganz entscheidend auf die Verbraucher ankommen. Denn – auch das ist eine Lehre der vergangenen Monate – die Konsumenten, denen der Staat mit Kurzarbeitergeld und höheren Sozialleistung geholfen hat, waren maßgeblich dafür verantwortlich, dass die hiesige Volkswirtschaft erheblich glimpflicher davonkam als beispielsweise Italien, Spanien oder Frankreich.

Die Bundesregierung muss deshalb den Mut aufbringen, noch einmal nachzulegen, wenn es wieder kritischer wird. Zu den geeigneten Instrumenten sollte eine spürbare Aufstockung des Kurzarbeitergelds insbesondere für Beschäftigte mit niedrigen Löhnen gehören. Auch ein zusätzlicher Kinderbonus kann helfen. Beides wird sich direkt in stabilisierende Nachfrage umwandeln. Solche Programme wären ohne Beispiel. Aber jetzt beginnt auch eine Phase, die noch viel mehr Stoff für die Lehrbücher als die zurückliegenden Monate bringen wird.

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