Kolumne

Störche und Strolche

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Meister Adebar kehrt jedes Jahr wieder - so wie Schufte. Die wollen mehr als Fische oder Frösche. Die wollen die ganze Macht. Die Kolumne.

Die gute Nachricht zuerst: Die Störche sind da! Letzte Woche haben Vögel dieser Art die ersten Nester hier an der Elbe bezogen, diese Woche suchen sie schon auf den Wiesen nach Futter. Die Fleischfresser lieben Fische, Frösche und Nagetiere. Wie andere Zugvögel sind sie zudem Pioniere der Globalisierung.

Als der Mensch noch in seiner Hütte hockte und nicht über den Gartenzaun blicken konnte, haben Störche schon Kontinente überflogen. Grenzen waren ihnen schon immer egal. Eine Zeit lang schien das auch für die Menschen zu gelten, was aber zur Disposition steht, schon im Inland.

Eine Nachbarin, die in der nahen Kleinstadt in Mecklenburg arbeitet, braucht einen Passierschein, um die Landesgrenze überschreiten zu können. Auf der Brücke über der Elbe steht die Polizei und kontrolliert die Einreisenden aus Niedersachsen.

Ein Bekannter, gemeldet in Mecklenburg und mit Dienstwagen aus Berlin, berichtet, die Polizei habe an seine Tür geklopft, um zu erfahren, was das fremde Auto vor seinem Haus zu suchen habe. Es fehlte nicht viel, berichtet er weiter, und die Polizisten hätten sein Haus nach Ortsfremden durchsucht. Was kommt als nächstes? Abschiebeflug aus Schwerin in ein sicheres Herkunftsland ihrer Wahl?

Okay. Keine Scherze. Aber an dieser Stelle müssen wir trotzdem kurz innehalten und die Wörter nachklingen lassen: Passierschein. Grenzkontrolle. Kennzeichen-Profiling. Im Bundesgebiet. Krass! Die Nachbarin sagt, niemand habe die Absicht, eine Mauer zu bauen, und lacht.

Ich kenne einen verschwiegenen Weg durch den Wald, wo kein Polizist steht, und male mir eine Zukunft als Schmuggler aus. Oliven und Dosentomaten aus Italien hin, mit Heringen aus der Ostsee zurück. Das Geschäft meines Lebens. Nichts ist mehr unmöglich seit Corona. Erste Spötter sagen schon, die Abkürzung AC würde nicht mehr für ante christum stehen, sondern für ante coronam und damit für jene Zeit, als wir noch glaubten, Hände zu schütteln sei ein Zeichen der Höflichkeit und keine Körperverletzung.

Ja, ja. Keine Witze mehr. Die Sache ist zu ernst, heißt es, alle Mittel sind erlaubt, um den Virus zu stoppen. Mag sein. Auf der anderen Seite ist der Virus aber auch das, was man in Frankreich eine bonne occassion nennt, eine günstige Gelegenheit, wobei man hinzufügen muss, dass die Gelegenheit Diebe macht.

Potentielle Diktatoren in aller Welt werden sich genau ansehen, wie weit man mit den Hebeln Gesundheitspolitik plus Angst bürgerliche Rechte aushebeln kann, ohne auf Widerstand zu stoßen. Die ersten nutzen es ja auch schon für ihre Zwecke, in China, wo die Überwachung mit Hinweis auf den Schutz der Bevölkerung eine Schraube weitergedreht wurde – und mit Sicherheit nicht zurückgedreht wird. In Ungarn haben wir sogar den ersten lupenreinen Diktator in der EU bekommen, aber keinen scheint es zu interessieren.

Kein Zweifel: Ein neues Instrument hat die politische Bühne betreten, der Ausnahmezustand aus Vorsorge, und wie es so mit neuen Instrumenten ist: Sie werden nicht einfach wieder verschwinden. Im Gegenteil: Die Wahrscheinlichkeit für eine Wiederholung ist größer als kleiner, im Guten wie im Bösen.

Und sieht man sich die politische Dynamik der letzten zwanzig Jahre an, dann sollte man sehr, sehr vorsichtig sein und genau hinschauen, wem man dieses Instrument zur Verfügung stellt. Denn nicht nur die Störche kehren jedes Jahr wieder, sondern auch die Strolche – und die wollen mehr als Fische, Frösche oder Nagetiere. Die wollen die ganze Macht. Kein Scherz.

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