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Nicht täuschen lassen: Das ist nur eine Dekoration über dem Weihnachtsmarkt in Bremen.

Rückblick

Wo ist der Stern?

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Wer sich die Welt anschaut, kann nicht froh sein. Es gilt aber, sich zu besinnen und bewusst zu machen, wofür es sich zu streiten lohnt. Der Leitartikel.

Ach, es wäre so schön. Wäre schön, ganz entspannt zu Weihnachten frohe Botschaften zu verkünden. Wäre wunderbar, das ausgehende Jahr zu betrachten und zufrieden zu denken: Gut war’s! Zwar nicht immer einfach, aber dennoch in Ordnung. Lasst uns feiern! Stattdessen stellt sich beim Blick auf die vergangenen Monate ein ganz anderes Gefühl ein. 2018 war ein bedrückendes Jahr. Dieser Befund hängt nicht am einzelnen Ereignis, es ist der Gesamteindruck, der belastet. Wer sich den Zustand der Welt ansieht, kann nicht froh sein, oder?

Vielerorts haben Gewöhnungseffekte die Zuversicht angefressen. Phänomene, die noch im vergangenen Jahr als Intermezzo verstanden werden konnten – als wandelbar, situationsabhängig oder gar zufällig –, haben überdauert und sich verstetigt. Sie sind als Normalität in unser Bewusstsein eingesickert und befördern eine Grundhaltung, die bereit ist, sich abzufinden.

Erhitzt - und gleichzeitig ausgelaugt 

Unsere Republik ist müde. Müde? Ist sie nicht eher erregt, überhitzt, zerrissen? Eine Republik in Aufruhr, in der ein Tropfen genügt, um eine Welle an Unmut, Misstrauen, Hass und Ressentiments auszulösen? Stimmt. Doch wenn müde bedeutet, dass diese Republik – und damit auch unsere Demokratie – geschwächt, erschöpft und ausgelaugt ist, dann stimmt das Bild wieder.

Vielleicht ist der seit langem anhaltende Erregungszustand ja sogar ein Symptom der Ermüdung und Schwäche. Ein Hinweis, dass unser demokratisches Immunsystem angegriffen ist. Dass die Abwehrkräfte der liberalen Gesellschaft schwächeln.

Und obwohl es heikel ist, politische Entwicklungen mit Krankheitsmetaphern zu belegen, macht der Begriff des Virus hier einiges anschaulich: Ein Erreger, der nationalistische, antidemokratische und autoritätsfixierte Symptome hervorruft, grassiert weltweit in immer mehr Ländern und steckt massenhaft Menschen an. Brasilien, wo der Anhänger eines Schlächter-Regimes ins Präsidentenamt gewählt wurde, ist nur ein Beispiel. Europa mit seinen erstarkenden Rechten und Rechtsextremen ein anderes.

In der globalisierten, vernetzten Welt beschleunigen sich wechselseitige Einflüsse und Nachahmungseffekte. Die Gegner einer freiheitlichen Gesellschaftsordnung ermutigen und bestärken sich gegenseitig und lernen voneinander. Dass sie das immer öfter erfolgreich macht, ist die bittere Erfahrung von 2018. 

Demokratie in Gefahr! 

Wir schauen auf die Welt und sehen: Demokratie in Gefahr! Obwohl wir sie über lange Zeit als resistent und wehrhaft betrachtet haben, können wir uns nicht mehr damit beruhigen, dass deren Verachtung nur eine Übergangserscheinung ist. Wahrscheinlich hätte man schon 2017 zu dieser Einschätzung kommen können, doch damals ließ sich manches mit viel gutem Willen noch anders interpretieren.

Doch inzwischen sitzt ein erratischer, verlogener Präsident mit absolutistischem Amtsverständnis schon viele Monate im Weißen Haus. Trotz aller Ermittlungsverfahren, Schurkenfreundschaften und peinlicher Selbstentblößungen hat er es geschafft, seine brandgefährliche Politik im zweiten Jahr fortzusetzen.

Und wer glaubte, dass ein einzelner Mann – wenn auch im mächtigsten Amt der Welt – als Unheilsstifter begrenzt sei, wer hoffte, dass ihn das demokratische Amerika nach den ersten Fehltritten davonjagen würde, muss nun die unglaublichsten Beharrungskräfte einräumen.

Demokratiefeindlicher Präsident in Ankara 

Ein nicht minder erratischer, verlogener Präsident mit demokratiefeindlichem Amtsverständnis sitzt auch noch immer im Palast in Ankara. Im Sommer dieses Jahres hat die türkische Bevölkerung ihre letzte Chance vertan, ihn per Wahl in die Schranken zu weisen – stattdessen konnte er seine Macht und Amtsbefugnisse ausbauen.

Wer also dachte, dass die demokratische Entwicklung in der Türkei in den letzten Jahren zwar einen Rückschlag, nicht aber eine lang andauernde Niederlage erlitten hat, ist nun mit einer anderen Realität konfrontiert.

Und als wollten der Präsident im Westen und der im Osten beweisen, wie sehr sie bedrohliche Brüder im Geiste sind, haben sie einen gemeinsamen Feldzug gegen die Kurden in Nordsyrien geplant – schlicht, indem der eine den anderen bei seinem Vernichtungsdrang gewähren lässt.

Selbstverständlich war es schon immer naiv, sich gerade zu Weihnachten nach Frieden und Freude zu sehnen, das ist schon klar. Dennoch geht es in diesen Tagen auch um Innehalten – um sich bewusst zu machen, wofür es sich auch im neuen Jahr lohnen kann, politisch zu streiten. Um die Erkenntnis des Noch-Nicht, das aber sein kann und sein soll. Um die Möglichkeit in der Zukunft, die als Leitstern all unseren zivilisatorischen Errungenschaften zugrunde liegt.

Dieser Zukunftsimpuls ist eine Aufforderung und ein Versprechen mit starker Antriebskraft für ein neues Jahr. Die Frauenrechtlerin Hedwig Dohm hat es wunderbar zusammengefasst: „Unmöglichkeiten sind Ausflüchte für sterile Gehirne. Schaffe Möglichkeiten!“

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