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Steinzeit der Gefühle

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Anna Mudry veröffentlicht Reportagen aus Vietnam .

Anna Mudry war 1969 und 1973 im Auftrag der „Berliner Zeitung“ in Vietnam. Jetzt sind 15 Reportagen aus jenen Jahren im Pirmoni-Verlag erschienen. Keiner der hier abgedruckten Texte erschien so, wie er hier steht, in der Zeitung. In ihrem Vorwort schreibt Anna Mudry: „In meinem wachsenden Drang während meiner journalistischen Tätigkeit (die ich 1974 abbrach), mich als Berichterstatterin ideologisch orientierten Verhaltensmustern zu entziehen, fand ich insbesondere bei den zwei amerikanischen Autorinnen bzw. Kriegsreporterinnen Martha Gellhorn und Mary McCarthy Anstöße und Ermutigung.“

Mary McCarthys Vietnam-Reportagen waren wichtig – auch als Gegengift zu den die USA bejubelnden Kommentaren in der „FAZ“. Anna Mudry berichtete während einer Kriegspause über die Verheerungen des Konflikts: „Zwischen 1964 und 1968 wurden (in Vietnam) 420 Tempel und Pagoden, 475 christliche Kirchen und zwölf Museen beziehungsweise Gedenkstätten zerstört oder schwer beschädigt.“

Das ist wenig, verglichen mit den Toten und Verwundeten, zu den mit Napalm überschütteten Wäldern, Dörfern und Menschen, über die Mudry auch schreibt. Sichtbar wird die blinde Wut, mit der die Bomber alles zerstörten, was unter ihnen lag.

Eine Artikel der Sammlung ist die Begegnung mit einer Berühmtheit. Das Foto von der zierlichen Frau, die einen US-Hünen abführt, ging um die Welt. Es entstand 1965. Mudry suchte die Frau auf und schrieb darüber.

Der Text, den wir lesen, entstand wieder viele Jahre später. Anna Murphy schreibt: „Der amerikanische General Curtis Lemay sagte: ‚Wir werden Vietnam in die Steinzeit zurückbomben.‘ Sie bombten und bombten. Aber eines Tages trottete ein amerikanischer Pilot vor einer kleinen Vietnamesin her, in seine Gefangenschaft. Und dann, einige Jahre später, verschwanden die letzten amerikanischen Soldaten in den Rümpfen der Transportflugzeuge, die sie in ihre 10 000 Kilometer entfernte, des aussichtslosen Krieges müde gewordene Heimat brachten.“

Saigon war nicht nur ein strategisches Ziel. Die Stadt im Süden war für viele Nordvietnamesen ein Sehnsuchtsort, eine Stadt der Liebe und der Erinnerung daran. Ohne auch ganz weiche Motive kann auch der härteste Krieg nicht geführt werden. Das gilt wohl für beide Seiten. Am Ende besiegt womöglich das weiche Wasser den harten Stein.

Zum Buch: Anna Mudry. „Vietnam – Gesichter und Schicksale“, Pirmoni Verlag, 194 Seiten, 14,90 Euro.

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