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Wie viel Wein es wohl in Paris geben mag?

Kolumne

Die Geheimzahl, die kein Mathematiker kennt

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Statistiker sind toll, sie wissen alles Mögliche. Aber eben nicht alles, nicht einmal die interessantesten Dinge über Wein. Aber das ist auch gut so. Die Kolumne.

Eigentlich hab’ ich’s ja gar nicht so mit der Mathematik. Zahlen waren mir schon immer ein Gräuel. Bereits in der Volksschule hatte ich in allen Fächern eine Eins – außer in Rechnen und Betragen, dort gab’s je eine sehr wohlwollende Zwei. Auf dem Gymnasium führte diese Missbegabung logischerweise ins Fiasko, zumal sie auch meine Erfolge in artverwandten Disziplinen wie Physik und Chemie spürbar entschönte.

Ich war also eine arithmetische Null, und noch heute kann ich mich mit Zahlen höchstens anfreunden, wenn sie auf der Habenseite meines Kontoauszugs stehen. Allerdings gibt es da eine Ausnahme. Sie entspringt einer Art von Hochachtung vor Menschen, die ich in eine Reihe stelle mit Bombenentschärfern, Tiefseetauchern, Schnellrestauranttestern und Fremdenlegionären: Statistiker.

Nach meiner Vorstellung begeben sich diese Leute ein Arbeitsleben lang jeden Tag in ein Büro und sammeln und sortieren dort acht Stunden lang Zahlen. Das macht ihnen schon mal einen großen Spaß, doch alle zwölf Monate setzen sie noch einen drauf. Dann nämlich beschenken sie sich und die Menschheit mit einem Erfolgserlebnis, dem Statistischen Jahrbuch.

Damit versetzen sie mich und alle anderen Erdenbürger mit Zahlenunverträglichkeit regelmäßig in basse Verblüffung. Erfahren wir doch in diesem Werk jede Menge höchst spannender Zahlen. Etwa dass zwölf Kilometer der Ruhr schiffbar sind, wir pro Person 8,12 Liter Eis im Jahr essen, unsere Bio-Hühner 1,3 Milliarden Eier legen und Frauen pro Nacht sechs Minuten länger schlafen als Männer.

Wie viel Wein befindet sich in diesem Moment in Paris?

Das ist schon einmal sensationell, was Leute mit entsprechender Gabe so alles herausfinden können. Nun hat aber auch mich die Schöpfung nicht ungesegnet ins Leben geschickt und mir in reichlichem Maß etwas anderes mitgegeben, nämlich Phantasie. Damit kann man üblicherweise weder in der Schule noch im Leben viel anfangen, aber viel Schabernack treiben (deswegen auch die Zwei in Betragen). So veranlasst sie mich seit Jahrzehnten, immer wieder an etwas zu denken, das wahrscheinlich jedem Statistiker den kalten Schweiß auf die Stirn treiben wird.

Wirklich spannend nämlich finde ich Zahlen, die es mit Sicherheit gibt, die aber kein Mensch der Welt auch mit einem Höchstmaß an Genialität und dickstem Computer niemals ermitteln können wird. So treibt mich immer wieder die Frage um: Wie viel Wein befindet sich in diesem Moment in Paris?

Damit meine ich jetzt nicht nur den in Flaschen, Fässern, Kanistern, Paketen oder Tanks, das wäre ja einfach. Es muss aber auch jener in irgendwo unter der Stadt vergrabenen römischen Amphoren gezählt werden, in Weingummis, Mischgetränken, Cognacs, Sherrys, Soßen, Glasuren, Desserts, Hochgeschwindigkeitszügen und Pralinen, selbstverständlich auch der in Gläsern auf Tischen und in Händen – und natürlich jener in den Mägen und Därmen der Menschen. Nicht zu vergessen gilt es den Champagner in Badewannen und Bauchnabeln.

Diese Zahl interessiert mich, und zwar exakt bis auf die zweite Stelle hinterm Komma. Doch niemand kennt sie – und das ist schön. Daran zu denken, verschafft mir ein Gefühl wie am Lagerfeuer sitzen und in die Unendlichkeit des Sternenhimmels stieren. Und dass es gar nicht so schlimm war, in Mathe nicht aufgepasst zu haben.

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