Die Stasi mischte doch überall mit!

Zu: "Ein deutscher Polizist", FR-Meinung vom 23. Mai

Völlig am Kern der Dinge vorbei

Dieser Beitrag ist das übliche, an Soziologieseminare erinnernde, vorgeblich analytische Kauderwelsch, das am Kern der Dinge völlig vorbei geht.

Sollte sich herausstellen, dass Kurras im Auftrag der Stasi schoss, wird noch deutlicher, dass in westdeutschen Behörden und Medien Handlanger der DDR-Führung wirkten, deren einziges Ziel die Destabilisierung der BRD war.

Dem Autor empfehle ich das Buch "So macht Kommunismus Spaß", worin die Tochter Ulrike Meinhofs die (auch finanziellen) Verbindungen zwischen der DDR, der Friedensbewegung und dem radikalen Zweig der RAF sehr gut belegt. Die Ausreisen der RAFler in Richtung Libanon oder Palästina führten fast immer über Ost-Berlin. Nicht umsonst flüchteten, nachdem ihnen der Boden im Westen zu heiß geworden war, etliche RAF-Mitglieder in die DDR und führten dort unter Tarnnamen eine "bürgerliche" Existenz bis zur Wende, die zu ihrer Enttarnung führte.

Es ist ein Verdienst der offenen Gesellschaft der Bundesrepublik, dass sie viele 68er, die mit radikalen Vorstellungen den Marsch durch die Institutionen antraten, nach und nach entradikalisierte und in den demokratischen Prozess einband.

Die Liberalisierung Deutschlands haben wir weitgehend dem US-amerikanischen Vorbild zu verdanken, das vom Campus Berkeley über San Francisco bis Berlin und München ein neues Lebensgefühl schuf. Der politische Zweig der 68er passte sich entweder an (s.o.) oder aber versumpfte in deutscher Engstirnigkeit in Sektiererei und geistiger Leere (KPML, Maoisten usw.).

Peter Hünten, Aachen

Es kann nicht sein, was nicht sein darf

Dass Herr Hebel den SED-Schergen Kurras nun dem rechten Lager zuzuordnen versucht, zeigt die Denkschwäche der deutschen Linken. Es kann nicht sein, was nicht sein darf. Man muss nur die Hetze der DDR des Jahres 1967 gegen den "Mörderstaat" Bundesrepublik betrachten, um zu sehen, wie groß das Interesse von Ulbricht und Mielke an dieser Tat war.

Natürlich wäre vorstellbar gewesen, dass sich ein Polizeibeamter in einer aufgewühlten Demonstration bedroht fühlt und in vermeintlicher Notwehr handelt. Aber ein Mitglied der SED und Mitarbeiter des MfS? Für wie dumm hält die FR eigentlich ihre Leser?

Andreas Bretzler, Berlin

Schon war man korrumpiert

Die Stasi mischte doch überall mit! Heinrich Lübke, unser zu diesem Zeitpunkt schon alterssenile Bundespräsident, wurde als KZ-Baumeister mit gefälschten Plänen verunglimpft.

Auch die Atomkraftgegner wurden finanziell unterstützt. So erfuhr ich bei einem von der evangelischen Kirche unterstützten Gespräch zwischen Ingenieuren, die die WAA Wackersdorf bauen wollten, und Vertretern der Gegner, dass die Bürgerinitiative gegen die WAA 10000 Mark von der DDR erhalten hatte. Zwar gab es angeblich zunächst Diskussionen darüber, ob man das Geld annehmen dürfe, aber man habe es schließlich genommen. Sicherlich waren diese 10000 Mark nicht für den Erfolg des Widerstands entscheidend, aber man war korrumpiert. Joerg Brauns, Hanau

Die wesentliche Frage ist falsch gestellt

Die wesentliche Frage im Hinblick auf die Stasimitarbeit des Polizisten Karl-Heinz Kurras sollte nicht lauten: "Hätte die Studentenbewegung einen anderen Verlauf genommen?", sondern: "Hätte die westdeutsche Justiz ein anderes Urteil gefällt?" Die überwiegende Mehrheit der Studenten sah die DDR keineswegs als leuchtendes Vorbild - so wie man uns heute glauben machen will -, sondern richtete sich gegen jede Art von repressiver Politik. Einem Stasispitzel Kurras hätte man die Ausrede "Ich handelte aus Notwehr" niemals durchgehen lassen. Die Prozesse wären anders verlaufen und die Urteile anders ausgefallen. Und Kurras wäre auch weder von seinen Kollegen noch von den einschlägigen Medien als Held gefeiert worden. Anja Hallermann, Braunschweig

Kurras wäre niemals freigesprochen worden

Man liest allerorten, der Fall wäre jetzt "neu zu bewerten". Wenn jetzt überhaupt etwas neu zu bewerten ist, dann doch wohl die Frage, ob die damalige Justiz der Bundesrepublik Deutschland diesen Mann, der Ohnesorg von hinten in den Kopf hinrichtete, angesichts der nun vorliegenden Hintergründe zu seiner Person freigesprochen hätte. Und genau das ist natürlich keine Frage - er wäre niemals freigesprochen worden. Und dort liegt doch der Skandal: Dass ein Student von einem Vertreter des Staates hingerichtet und der Mörder freigesprochen wird. Daran ändern die neuen Fakten nichts, sie schärfen nur den Blick darauf, dass der Mann nur deshalb geschützt wurde, weil er als (vermeintlicher) Teil des westdeutschen Staates agiert hat. Somit ein schöner Beleg für genau die politische Lage, die damals zu Unruhen geführt hat.

Joachim Agüeras Netz, Hamburg

Die Rolle der Justiz hat uns alle geprägt

Was auch immer die Beweggründe von Kurras waren, die ihn gezielt das Leben des ihm unbekannten Ohnesorg beenden ließen - er stoppte damit angeblich (!) gleichzeitig die Sonderzahlungen für seine Spitzeltätigkeit. Wirklich?

Ich erwarte einen Prozess gegen diesen Biedermann und Brandstifter in einer Person, der auch darüber aufklärt, ob tatsächlich keine Gelder mehr geflossen sind, z. B. durch Recherchen, seine Lebensführung betreffend. Ein frustrierter Polizist war ein Unsicherheitsfaktor. Gegen diesen "Entzug" konnte die DDR z.B. Kuriere einsetzen. Neben all dem Anführbaren: Auch das sollte ein erneuter Prozess zutage fördern, schon um den unsäglichen DDR-Nostalgikern nochmals behilflich zu sein, die tiefrote Brille abzusetzen.

Mir fehlt bislang der Blick auf die Sympathisantenszene. Als bis '68 unpolitischer Student weiß ich, wie sehr der Tod Ohnesorgs sowie die Rolle der Justiz uns alle betroffen gemacht und geprägt hat. Die Tat eines SED-Mitglieds im Westberliner Polizeikleid hätte Reaktionen nie bewirken können, wie sie in der Ablehnung der Notstandsgesetze als Anzeichen eines prä- bzw. profaschistischen Staates zum Ausdruck kamen. Die Jahre ab '68 wären ohne eine nachhaltige Sympathisantenszene viel weniger radikal ausgefallen, davon bin als Zorniger, aber Gemäßigter der damaligen Szene fest überzeugt. Hans-Peter Fischer, Dinslaken

Disziplinarverfahren gegen Kurras

Der Ohnesorg-Schütze Kurras war IM. Strafrechtlich ändert das wohl nichts mehr. Aber: Kurras ist Pensionär. Es ist doch zu prüfen, ob man jetzt noch ein Disziplinarverfahren gegen ihn einleiten kann. Er hat sich unter Angabe falscher Tatsachen in den Polizeidienst geschlichen, darauf beruht auch seine Pension. Man kann auch gegen Pensionäre Disziplinarverfahren einleiten. Eberhard Drück, Wachtberg

Die Zeiten sind inzwischen andere

Als vor über 20 Jahren eine kleine Gruppe kirchlich geprägter, grüner und sozialdemokratischer Menschen aus Berlin-Charlottenburg versuchte, nahe des Platzes, an dem Benno Ohnesorg erschossen wurde, ein Zeichen des Erinnerns zu setzen, scheiterten sie. Der Grundstückseigentümer verweigerte seine Zustimmung, die CDU-Mehrheit in Charlottenburg verhinderte die Benennung eines gerade entstandenen kleinen Platzes nahe der Deutschen Oper, indem sie ihn flugs Shakespeare-Platz taufte. Erst die Oper selbst stellte ein kleines Fleckchen Grund zur Verfügung, auf dem heute ein Teil des Tryptichons von Alfred Hrdlicka "Tod des Demonstranten" versteckt zwischen U-Bahnhof und Oper steht.

Die Zeiten sind andere: Inzwischen steht am Todesort eine Informationstafel, die über die Vorgänge am 2. Juni 1967 informiert. Mag man sie ergänzen. Aber schweigen sollten jene, denen Benno Ohnesorg herzlich egal war, denen sein Name, seine Erwähnung oder das Erinnern an ihn stets ein Gräuel bedeutete, mögen sie nun Rupert Scholz, Klaus Schütz oder Rainer Brüderle heißen.

Stephan Noe, Berlin

Diskussion: frblog.de/kurras

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