+
So gut wie diesen Tieren geht es der gemeinen Weihnachtsgans nicht.

Kolumne

Startschuss für den Gänse-Wahnsinn

  • schließen

Jetzt bricht sie wieder aus, die Hysterie vor Weihnachten. Vieles ist befremdlich - am meisten die Sache mit den Gänsen. Die Kolumne.

Eigentlich könnte ich mich ja jedes Jahr noch mehr aufregen als im vergangenen. Tue ich aber schon längst nicht mehr. Das hat nichts mit Resignation zu tun, jedenfalls nicht nur. Die Wut ist eher einer jährlich wachsenden Befremdung gewichen, und diese hat viele Facetten.

Generalthema ist „Weihnachten“, so viel ist klar. Dieses Ereignis kann im Grunde ja auch etwas Schönes sein, je nach Neigung und Vorlieben des Festteilnehmers. Nicht nachvollziehen kann ich allerdings, dass immer spätestens Ende November alle (ausnahmslos alle) zu stöhnen beginnen und sich darüber echauffieren, dass das Wiegenfest des Herrn von Nazareth immer kommerzieller werde.

Stimmt ja auch. Aber niemand wird zum Mitmachen gezwungen. Dennoch rennen alle los in die Kaufhäuser oder ins weltweite Netz und kaufen bergeweise Geschenke, als fürchteten sie, im Falle einer Unterlassung nie wieder geliebt zu werden. Für nur dürftig mit Fantasie Gesegnete gibt es nun sogar Geschenkidee-Apps, damit am Tag X auch wirklich was unterm Baum liegt.

Die Devise: niemand hat schon alles

Die Devise der Schenkprofis: Niemand hat schon alles, bei manchen muss man halt etwas nachhelfen, dann geht das schon. Und wer behauptet, er wolle nichts geschenkt bekommen, ist in Wahrheit ein armer Wurm, der nicht fähig ist, seine innersten Wünsche zu erkennen. Strategien dafür entwickeln die Zwangsbefeierer schon lange vorm Fest, immer Ende Januar bei der „Christmas World“ in Frankfurt, der Fachmesse für Weihnachtsmuffelbedränger.

Womit wir mal wieder bei der Sache mit den Gänsen wären. Dieser Wahn wird ebenfalls von Jahr zu Jahr exzessiver. Er beginnt am Tag des Heiligen Martin. Da rennen sie wie auf Knopfdruck wieder von Gänseessen zu Gänseessen, als gebiete dies ein gesellschaftlicher Kodex. Als werde, wer nicht unaufhörlich Brüste oder Keulen in sich stopft, geteert und gefedert und unter lautem Gespött der Kollegen, Verwandten und Nachbarn aus der Stadt gejagt.

Dabei müssten doch alle (ausnahmslos alle) seit langem wissen, wie armselig die Viecher gehalten werden. Egal welche, ob vom Discounter oder vom Delikatessladen. Entsprächen alle der schönen Vorstellung von einem idyllischen Dasein auf einem schnuckeligen Bauernhof, wären zwei Drittel Deutschlands nahtlos mit Gänsen bedeckt. Dass das allerdings gar nicht geht, müsste jedem klar sein. Dennoch hält man sich lieber an den schönen Schein, schließlich ist bald Weihnachten.

So war ich unlängst in einem Pfälzer Landgasthof. Einst ein solides Haus mit ehrlicher Küche, hat man dort mittlerweile einen Nebentrakt zur „Eventscheune“ umgebaut und brüstet sich mit großen Portionen zu kleinen Preisen. Werbeträger sind neben einem gewaltigen Facebookauftritt die weit über 80-jährige Oma sowie eine siebenköpfige Gänseschar, die draußen im Hof herumwatschelt und ein Bild abgibt, dass es einem warm ums Herz wird.

Die Hauptprotagonisten der kommenden Wochen allerdings sind in einem Anbau hinterm Haupthaus untergebracht: Hunderte von Artgenossen aus Polen. In kürzester Zeit mit Proteinen fettgestopft liegen sie dort schockgefrostet in den Tiefkühlkammern, um von glühweinstrotzenden Meuten vom Vorweihnachtsfieber beseelter Feierwütiger schmatzend und singend verschlungen zu werden. Mit Rotkraut. Und Schmorapfel.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare