Kolumne

Stairway to Heaven

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Hier die Natur mit Specht und Käuzchen, dort ein Camper mit Musik von Led Zeppelin. Es kann skurril sein, wenn diese Parallelwelten aufeinandertreffen.

E s war Himmelfahrt – Herrentag, wie man im Osten Deutschlands sagt, um nicht nur den Vätern vor diesem gottgefälligen Brückentag im Mai einen Grund zum Trinken zu geben. In früheren Jahren war Himmelfahrt absolute Prime Time für den kleinen Campingplatz am See.

Bikergruppen, Handballvereine oder gitarrenbewehrte Jugendgruppen kamen mit Zelten, Bierbänken und einer Versorgungsladung an, als wollten sie nicht nur bis zum Wochenende, sondern bis zum nächsten Winter mit nie erlahmenden Trinksprüchen und vielstimmigem „Take me home, country road“ zwischen den Kiefern verharren.

Die größtenteils betagten Dauercamper blieben am Himmelfahrtswochenende meist zu Hause oder reisten erst am Sonntagnachmittag an, wenn alles wieder ruhig und der Specht an der Birke gut zu hören war.

In diesem Jahr blieben die Herrentagscamper aus. Manche hatten sich vermutlich einem Kirchentagsevent zugesellt, andere, genau ein solches fürchtend, vielleicht auf privatem Terrain Schutz vor den orangen Tüchern gesucht. Weil die Dauercamper das nicht vorhersehen konnten, waren auch ihre Vorzelte am Himmelfahrtsdonnerstag weitestgehend geschlossen und eine heiße Stille hing über dem Wald, in der eine einzelne, durch den See schnürende Wassernatter schon fast ein Zischgeräusch zu hinterlassen schien. Am Abend verlöschten die wenigen Grillfeuer rasch, und die Anwesenden gingen, vom plötzlichen Einbruch des Sommers ermüdet, alle früh ins Bett.

Alle? Fast alle. Der Nachbar, ein ehemals bestimmt drahtiger Mann in seinen Sechzigern, hatte durchaus noch Pläne, als seine Frau sich – offenbar wissend, was kommt – ins Innere des Wohnwagens verabschiedet hatte. Sorgfältig installierte er eine Lichterkette in seinem Sonnenschirm, baute darunter auf einem Plastiktisch andächtig seinen Laptop auf, stapelte DVDs neben dem gefüllten Schnapsglas und rief vorsichtshalber herüber: „Wenn euch die Musik stört, sagt am besten nichts.“

Und dann ging es los mit legendären AC/DC-Konzerten, mit Led Zeppelin, Status Quo (die übrigens auch dieses Jahr noch touren, und im Juli nicht nur in Zwickau und an der Loreley, sondern kurz vor Weihnachten sogar im Friedrichstadtpalast zu sehen sein werden!) und Rammstein. Oben der sternensatte Nachthimmel, der so akkurat und überfüllt leuchtete wie auf einer Schulbuchabbildung, unten auf den zehn Quadratmetern zwischen zwei Wohnwagen ein Mann im zweifarbigen Freizeitanzug an einem Klapptisch vor seinem Computer mit einer zum Anlass des Tages fraglos passenden Mischung aus „Highway to Hell“, „Stairway to Heaven“, „Engel“ und „Bück dich“.

Sanft wippte sein Kopf und selig war sein Lächeln, als ihm offenbar dieses oder jenes Detail des Gebrülls auffiel und er mit dem Finger dringlich in der Luft herumstocherte als müsse er sich darum kümmern, zu Wort zu kommen. Wenn er jetzt nur jemanden zum Fachsimpeln hätte!

Aber da waren außer ihm nur ein paar Käuzchen, die er nicht hören konnte, und die Campingplatzkatze, die ihn aus dem Schatten heraus verwundert betrachtete. Und der Traum von der lauten und wilden Freiheit natürlich, von Sex, Motorrädern und ewiger Jugend. Für Glühwürmchen indessen war es trotz der Wärme wohl noch zu früh im Jahr.

Petra Kohse ist Autorin.

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