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Ständig online - keine Zeit für den Rest

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Von: Petra Kohse

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Das Smartphone ist zu unserem ständigen Begleiter geworden.
Das Smartphone ist zu unserem ständigen Begleiter geworden. © Imago/Archiv

Ständig Online schreibt man quasi fortwährend am Skript des eigenen Lebens. Der Rest bleibt dabei auf der Strecke. Eine Kolumne.

Fast allen, die ich kenne, fehlt Zeit für die Dinge, von denen sie glauben, dass sie ihnen wichtig sind. Niemand sagt: „Komm doch diese Woche mal abends vorbei, ich bin da.“ Oder: „Gestern habe ich „Ulysses“ zu Ende gelesen.“ Statt dessen empfängt man kaum noch Gäste, schafft es weder ins Kino noch zur Paartherapie, schläft zu wenig, lernt auch dieses Jahr nicht ayurvedisch kochen und nimmt fürs Putzen oder Handwerkliches zunehmend Hilfe in Anspruch.

Die Zeit, die man hat, fließt derweil in die stets umgehende Beantwortung von E-Mails und SMS, in die stündliche Kontrolle von Nachrichtenportalen, die Berechnung von Ankunfts- oder Abfahrtszeiten oder die spontane Internet-Recherche quasi aller Nebensächlichkeiten, die im Laufe eines Tages so aufkommen. Dabei kann man schon mal hängenbleiben bis der Morgen graut. Niemand will es, aber das ist die Realität. Was also ist es, das in uns zwanghaft googelt, dauernde Verfügbarkeit signalisiert und mit vollen Händen Zeit vergeudet? Ich denke, es hat mit einem veränderten Rollenmodell zu tun. Mit einer Geringschätzung des Körperlichen und dem Verlust von Erinnerung.

Nehmen wir das Alltäglichste, die private Kommunikation, die schon bei Grundschülern den Tag über via Whats App oder Telegram quasi lückenlos anhält und bei Jugendlichen absurde Dimensionen erreicht. Jede Handlung wird der Gruppe mitgeteilt, jedes Essen auf Instagram gepostet.

Sie kennen das. Kommt es einmal zu einer realen Verabredung, wird, auch unter Erwachsenen, der Weg dorthin minutiös protokolliert: „Bin jetzt losgegangen“ – „Bin in drei Minuten da“ – „Stehe an der Litfasssäule“. Der Reiz, in jeder Situation ein Gesehenwerden zu simulieren und quasi am Filmskript des eigenen Lebens zu schreiben, ist unendlich.

Wobei das fiktive „Ich“ fortwährend Impulse erhalten muss, um nicht zu erlöschen. Dieses körperlose Alter Ego als omnipräsent und allwissend leuchten zu lassen (on! on!), sei es in Chats oder zur Not auch durch Produktbewertungen, ist das Gebot der Stunde. Dabei kann man immer wieder neu ansetzen und außer vielleicht der NSA (Tracking Queen) wird das niemandem auffallen.

Die Arbeit am realen Körper nimmt interessanterweise trotzdem zu. Arbeit, nicht Pflege! Denn das Schönheitsideal liegt fern von dem, womit wir geboren wurden: Körper werden gestrafft und enthaart, äußerlich und inwendig gereinigt und auch mit technischer Hilfe so weit wie möglich der Fett-, Geruchs- und Alterslosigkeit zugetrieben, obwohl es, siehe oben, kaum jemanden gibt, der das am Ende noch in Echtzeit würdigen könnte.

Maschinenhafte Funktionalität ist das Ziel, lieber makellos für die Ewigkeit statt bequem im Hier und Jetzt. Dabei hält die digitale Bildbearbeitung mittlerweile auch für Laien etliche Tricks bereit und niemand müsste abends auf dem Wohnzimmerteppich wirklich Blogilates machen, um den Bauch im Internet so flach aussehen zu lassen wie ein iPad Air 2.

Aber die realen Sehnsüchte – jetzt sind wir beim Verlust von Erinnerung – gehen nun einmal nach dem, was gesellschaftlich im Zentrum des Interesses und Begehrens steht: Wir wollen geliebt werden und sei es als nimmermüder, rundum vernetzter, absolut formschöner – Computer. Und ein solcher arbeitet eben, oder er ist aus.

Petra Kohse ist Autorin.

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