Kolumne

Die Stadt-Land-Stadt-Flucht

  • schließen

Wo lässt es sich am besten Leben? Die Vögel haben sich für Ortschaften entschieden.

Eigentlich steht der Begriff „Land“ ja schon immer für Gutes, Frisches, Naturnahes und Erholsames. Einst unternahm man eine „Landpartie“, wenn man sich mit Decke, Picknickkorb, Hühnerschlegeln, Emmentaler und Wein hinaus aus den Städten begab, um sich auf einer saftigen Wiese unter einem schattenspendenden Baum niederzulassen und gesellig zu sein.

Die Landbevölkerung galt als tüchtig, sparsam, gläubig und gut durchblutet, war man dort doch viel an der frischen Luft und früh im Bett und verzehrte viel Gemüse und wenig Fleisch. So zog es in den siebziger Jahren, als die Städte immer autogerechter und damit unbewohnbarer wurden, viele hinaus in die Natur.

Reiche bauten sich Bungalows, Linke gründeten Land-WGs, nur Arme blieben in den Städten. Als kleinen Trost bot ihnen die Industrie „aus deutschen Landen frisch auf den Tisch“ Produkte wie „Landeier“, Wurst von „Landmetzgern“ oder Molkereiprodukte unter dem Label „Landliebe“. Die Strategie ging auf; niemand kam auf die Idee, mal über „Stadteier“ nachzudenken.

Vor etwa 25 Jahren kehrte sich der Trend um und hieß plötzlich „Landflucht“. Wohnen in der Stadt wurde wieder en vogue, und zwar für nahezu jedermann. Die WG-Mitglieder hatten sich zerstritten und zogen in die billiger gewordenen Stadtwohnungen, die Reichen begannen mit der Luxussanierung feudaler Gründerzeitbauten, bezogen sie selbst oder spekulierten damit. Gleichzeitig verarmten ländliche Gegenden, so dass auch von dort die Menschen zu Lohn und Brot in die Metropolen strömten. Das Ergebnis haben wir heute. Die Städte quellen über, die Mieten steigen ins Unbezahlbare, und trotz ständig aus dem Boden sprießenden Neubaugebieten herrscht quälende Wohnungsnot mit nicht absehbarem Ende.

Und wie ist es nun auf dem Land? Tot. In mehrfacher Hinsicht. In Dörfern sind alle Geschäfte außer den Kirchen geschlossen, ganze Gehöfte stehen für wenige Euro zum Verkauf, Wirtshäuser wurden zu Bordellen oder Kebapbuden, das wenige Leben spielt sich außerhalb an den Tankstellen ab.

Hie und da sind löbliche Wiederbelebungsversuche zu verzeichnen, häufig von Menschen initiiert, denen die Stadt zu teuer geworden ist und die vielleicht auf dem Dorf ein Häuschen geerbt haben. Generell aber ist die Situation armselig.

Schlimmer noch. Vor einiger Zeit besuchte ich einen befreundeten Bauern. Es war Sommer, die Nacht war lau, also übernachtete ich draußen auf einer Wiese unter sternenklarem Himmel.

Nach tiefem, wunderbarem Schlaf aber wachte ich befremdet auf. Mich störte etwas – nämlich diese unheimliche Ruhe. In Frankfurt werde ich morgens von dem Gesinge, Gezwischtere und Gekrähe gefühlter Abermillionen Vögeln geweckt – hier hörte man gar nichts. Null.

Mein Freund klärte mich auf. „Klar“, meinte er, „das liegt an der Monokultur.“ Es gibt keine Tümpel mehr, kein Gestrüpp, keine bewachsenen Feldränder, keine Wiesen und keine Wäldchen. Alles gerodet oder totgespritzt.

Das überlebt kaum ein Insekt, also verschwinden die Vögel, die tummeln sich mittlerweile in den Städten. „Sogar die Igel, die Füchse und die Wildschweine hauen ja schon ab zu euch“, meinte der Freund. Was sagt uns das? Wenn das Heidi heute wieder nach Frankfurt käme, es fände die Stadt vermutlich wundervoll.

Michael Herl ist Autor und Theatermacher.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare