Corona weckt die Lust aufs Land - Für einige hat das dramatische Folgen. 
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Corona weckt die Lust aufs Land - Für einige hat das dramatische Folgen. 

Kolumne

Stadt, Land, Flucht – Wie Corona die Leute scheinbar aufs Land zieht

  • Inge Günther
    vonInge Günther
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Corona hat in vielen Städtern die Lust geweckt, aufs Land zu ziehen. Die Folgen sind für einige dramatisch.

  • Die Corona-Pandemie weckt in vielen Städtern die Lust auf ein ländliches Leben.
  • Überzeugte Stadtkinder träumen plötzlich von Tieren und Gemüsegärten. 
  • Doch könnten sie das überhaupt auf Dauer ertragen?

Frankfurt – Eine Ziege, ein paar Hühner, zwei, drei Kätzchen, einen Hund, vielleicht ein Kräuter- und Gemüsegärtchen und rundum Natur. Mit versonnenem Augenaufschlag zählt D. auf, was alles zur Ausstattung ihres neuen Lebenstraums gehört. Die 30-Jährige ist ein Großstadtkind durch und durch. Bislang kam ihr alles andere als Berlin zu piefig vor. Aber seit Corona ist D. fest entschlossen, den Asphaltdschungel gegen eine ländliche Idylle eintauschen.

Einen alten Bauernhof wieder aufbauen - Doch was ist mit alten Gewohnheiten?

Irgendein alter, verlassener Bauernhof in Mecklenburg-Vorpommern oder Brandenburg schwebt ihr vor, den sie mit gleichgesinnten Freunden aufpäppeln würde. Irgendwo dort, wo das Leben morgens um sieben noch in Ordnung ist. Eine Zeit, in der D. gewöhnlich im Tiefschlaf liegt. Aber das behalte ich mal für mich und frage stattdessen: Und was ist mit deiner Spinnenphobie?

Selbst ein harmloser Weberknecht, mit Beinchen dünner als ein Faden, wie er sich mitunter in Kreuzberger WGs verirrt, vermag sie schließlich schon in Angststarre zu versetzen. D. geht darüber lächelnd hinweg. Mit Krabbeltierchen werde sie noch ihren Frieden machen. Der dörfliche Lockruf sei einfach viel stärker.

Stadtflucht durch Landlust - Schießen die Immobilienpreise auf dem Land bald in die Höhe?

Die meisten im Bekanntenkreis sind dem Coronavirus bislang entkommen, aber die Landlust hat nicht wenige heftig erwischt. T., der er es sonst gerne möglichst turbulent und kosmopolitisch hat, schwärmt auf einmal von Gartenarbeit im Schwarzwald. U. wälzt schon wochenlang die Idee, das elterliche Eigenheim in der schwäbischen Provinz zu übernehmen.

Und A. setzt bereits ihre ganze Energie in ein wildwucherndes Stückchen Land, das sie samt Hütte und Plumpsklo nahe einem märkischen Kiefernwald gepachtet hat.

Stadtflucht heißt der neue Trend. Die Maklerbranche rechnet damit, dass nun auch auf dem Land die Preise durch die Decke gehen angesichts des Nachfragebooms nach Immobilien im Grünen.

Zu Lockdownzeiten kam die Natur teilweise in die Stadt zurück

Was den unzähligen ländlichen Kommunen durchaus zu gönnen ist, aus denen sich die Jungen abgemacht haben, weil sie nicht auf Dauer Fuchs und Hase gute Nacht sagen wollten. So ging es damals auch mir, nach dem Abi, als ich nichts wie weg wollte aus dem Kleinstädtchen im oberbergischen Kein-Schöner-Land.

Ulkigerweise tummeln sich die Hasen heutzutage im urbanen Leben. Zu Lockdownzeiten erkundeten ganze Wildschweinfamilien mit ihren gestreiften Frischlingen Berliner Bezirke. Habe ich auf Fotos gesehen, erzähle ich A., während wir uns zwei Schlaflager in ihrer winzigen Hütte herrichten.

Die Lust aufs Land - aber bitte nicht so richtig

Alleine hat sie sich dort noch nicht zu nächtigen getraut. Ist lieber morgens anderthalb Stunden hin und abends anderthalb Stunden zurück in die Hauptstadt gefahren. A. liebt Bäume, aber ihr einsames Rauschen in schwarzer Nacht, das Knacken im Geäst und andere, für städtische Ohren seltsame Geräusche beleben eben auch von Horrorfilmen vorbelastete Fantasien. Ich bin quasi zur Verstärkung da. Aber weder Elch noch Eber noch Menschenwolf lassen sich blicken.

Dafür schreckt uns der Donnerschlag eines Gewitters aus unruhigem Schlaf. Es verzieht sich schnell. Den Kaffee können wir auf nasser Wiese genießen, wo es mit aufsteigender Sonne nur so summt und brummt. Ist doch ein Träumchen, meint A. und reicht ein Tropenmittel rüber, um die wachsende Zahl an Bremsen- und Schnakenstichen zu betupfen. Sie geduldig hinzunehmen, ist unser solidarischer Beitrag gegen das Insektensterben. In ein paar Stunden sind wir zum Glück wieder in Berlin. (Inge Günther)

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