Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

Reste von Feuerwerk: So mancher wacht am 1. Januar mit einem Finger weniger auf.
+
Reste von Feuerwerk: So mancher wacht am 1. Januar mit einem Finger weniger auf.

Jahresrückblicke

Vom Sprengstoff und Komasaufen

  • Michael Herl
    VonMichael Herl
    schließen

Warum gibt es Jahresrückblicke nur im öffentlichen Raum? Haben alle vergessen, was sie die letzten zwölf Monate erlebt haben? Der moderne Mensch lechzt nach Jahresrückblicken. Die Kolumne.

Eigentlich haben wir ein Gedächtnis. Einst war es klein, denn es musste sich nur merken, dass Höhlenlöwen uns essen wollen, dass wir Bockshornklee essen können und Ähnliches mehr. Dann wuchs unser Hirn mit seinen Aufgaben. Es wurde dafür zuständig, uns bei gegebenem Anlass daran zu erinnern, dass Feuer Aua macht und man mit Moos umwickelte Hölzchen nicht zum Reinigen der Ohren verwenden sollte, weil sonst das Schmalz im Gehörgang pfropft und diesen verstopft. Und schon sind wir mitten im Thema. Bereits jetzt können wir nämlich Jahrtausende überspringen und konstatieren: Wir haben nichts gelernt.

Denn noch immer nämlich stochern sich täglich Millionen von Menschen mit Wattestäbchen in den Lauschern herum – und wundern sich dann, wenn sie taub werden wie ein alter Fisch. Und noch immer torkeln sie Ende Dezember volltrunken auf den Straßen umher und hantieren ungelenk mit Sprengstoffen – und wundern sich am nächsten Morgen, wenn sie mit einem Finger weniger aufwachen.

Schimpansen würde so etwas nicht passieren. So braucht es uns, also uns primatengleich vernünftige Zeitgenossen, wiederum nicht zu wundern, dass anscheinend die meisten unserer Mitmenschen sich nicht mehr daran erinnern können, was sie in den vergangenen zwölf Monaten erlebt haben. So ist es wiederum kein Wunder, dass sich Fernsehanstalten, Magazine, Zeitungen, Kabarettisten und Comedians von Jahr zu Jahr mehr mit „Jahresrückblicken“ kugelig verdienen. Der moderne Mensch lechzt nach Jahresrückblicken. Sollten Sie zufällig über ein Theater verfügen, so rate ich Ihnen: Legen Sie einen toten Vogel auf die Bühne, schreiben Sie „Jahresrückblick“ drauf – die Hütte wird zum Bersten voll sein und die Besucherschar sich vor Vergnügen an den Rand der Besinnungslosigkeit applaudieren.

Dabei spielt es keine Rolle, ob in Jahresrückblicken an tatsächlich in den letzten zwölf Monaten Geschehenes erinnert wird. Da kann man auch gerne mal die Mondlandung, die Erfindung des Rads, die Entdeckung von Hitlers Tagebüchern oder die deutsche Fußball-Meisterschaft der Frankfurter Eintracht untermengen. Die Zuschauer haben eh alles vergessen und freuen sich immer wieder aufs Neue. Hauptsache Unterhaltung, Hauptsache Jahresrückblick.

Im Fernsehen nimmt man dafür sogar einen Markus Lanz als Moderator in Kauf und auf der Bühne einen Heini, den man noch nie im Fernsehen gesehen hat. Es soll sogar Leute geben, die sich ausschließlich von Jahresrückblicken ernähren und den Rest des Jahres auf einer einsamen Insel verbringen. Ohne Radio, Fernsehen und Internet, um ja nichts von der Realität mitzubekommen. Frei nach dem Motto: Ich recherchiere mir doch meinen Jahresrückblick nicht kaputt.

Was mich wundert: Warum gibt es Jahresrückblicke nur im öffentlichen Raum? Machen Sie das doch mal privat. Laden Sie ein zu Ihrem persönlichen Jahresrückblick. Erzählen Sie Ihren Freunden und Bekannten vom Pferd, zeigen Sie ihnen irgendwelche bunte Bilder, dabei trinken sich alle ins Koma – und zur Krönung des geselligen Abends verteilen Sie Sprengstoff und Wattestäbchen. Heißa, was ein Spaß! Und Sie werden sich im nächsten Jahr schön was zu erzählen haben. Falls Sie sich noch daran erinnern können.

Michael Herl ist Autor und Theatermacher.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare