Kolumne

Sport statt Wahlen

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Bei der Landtagswahl in Brandenburg scheinen Wählervereinigungen Parteien zu ersetzen. Außenstehende können sie kaum unterscheiden.

Kein Zweifel: Bei der Fußball-Weltmeisterschaft in Frankreich haben sich die Frauen Respekt verschafft und ein weiteres Stück männlichen Terrains erobert. Doch gleichzeitig wurde der Litauer Vytautas Kirkliauskas Weltmeister im Frauentragen, einer eher klassischen Disziplin aus der Disziplin Rollenverteilung.

Auf dem Rücken trug er seine Frau Neringa, die ihre Beine um seinen Kopf und ihre Arme um seinen Bauch schlang, während ihr Kopf auf der Höhe seines Hinterteils hin und her schaukelte. Zu bewältigen war ein Parcours von 253,5 Metern mit Hindernissen aus Holz, Steinen und Wasserbecken.

Als ich meine Frau fragte, ob wir uns in dieser Sportart versuchen sollten, sah sie mich mit einem Blick an, der drei Botschaften enthielt. Erstens: Seit wann machst Du Sport? Zweitens: Noch so eine Frage führt zur Scheidung. Drittens: Versau uns nicht den Urlaub. Wir verbringen ihn nicht in Italien und auch nicht im Süden Frankreichs, sondern wie jedes Jahr in Brandenburg.

Dort auch nicht in der Uckermark, wo sich Berliner Grüne und Deutsche aus regionaler Produktion „Gute Nacht“ sagen, sondern an der Elbe, wo der Fluss einst den Osten vom Westen trennte, was sich bis heute nicht groß verändert hat. Auf der einen Seite des Flusses gibt es Biomärkte, auf der anderen Seite den Netto.

Urlaub in Brandenburg machen ist wie russisches Roulette. Man weiß nie, ob ein guter Sommer in der Trommel liegt oder ob ein schlechter Sommer aus dem Lauf kommt. Außerdem weiß niemand mehr, was ein guter und was ein schlechter Sommer ist. Früher hatte ein guter Sommer viel Sonne und hohe Temperaturen, was heute eher auf den Klimawandel weist. Den Regen bejubeln, während man lieber auf dem Weg zum Badesee wäre, will aber auch keiner. Als wenige Kilometer entfernt der ehemalige Truppenübungsplatz brannte und sich der Horizont tagelang verdunkelte, war man wiederum über jeden Tropfen Wasser froh.

Die Politiker haben auch keine Antwort und andere Sorgen: In Brandenburg ist bald Landtagswahl, und sie müssen Werbung machen. Auf dem Plakat von der SPD ist der Name der Partei so klein geschrieben, dass man unweigerlich den Eindruck erhält, er würde sich vor den Umfrageergebnissen verstecken.

Die Linke wirbt mit einem Schriftzug, der an alte Gauloises-Packungen erinnert und „Freiheit“ verkündet, als wäre es der neue Geschmack filterloser Zigaretten. Die AfD tut so, als wäre sie keine Partei, sondern ein Volk. Bei der CDU wird der Spitzenkandidat Ingo Senftleben in einem Countrysong besungen, der Zeilen hat wie: „Wer haut Verbrechern auf den Po? Ingo, Ingo!“

So kommt es, dass die Parteien hier auf kommunaler Ebene keine Rolle mehr spielen. Bei den Wahlen zum Gemeinderat tritt nur noch eine Wählervereinigung gegen die andere an. Mal sind es freie Wähler, mal sind es unabhängige Wähler, mal sind es Bürger von hier oder Bürger für Bürger oder Bürger wählen Bürger.

Für Außenstehende ist es schwer, die eine Wählervereinigung von der anderen zu unterscheiden, weshalb man sich dann doch lieber an die Sportergebnisse hält: Die Mannschaft der USA hat die Fußballweltmeisterschaft der Frauen gewonnen. Vytautas Kirkliauskas brauchte eine Minute und sieben Sekunden, um seine Frau und sich ans Ziel zu bringen. Auf den zweiten Platz kam der ehemalige Weltmeister im Frauentragen Taisto Mietinnen aus Finnland mit seiner neuen Partnerin. Sie heißt Katja Kovanen. Herzlichen Glückwunsch!

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