Kolumne

Spontan verplant

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Restaurant, Friseur, Ausflugsboot: Ohne Reservierung geht so gut wie gar nichts. So ist den Berlinern die Lust am Planen schon lange vergangen. Nicht nur beim neuen Flughafen.

Ich bin gerne spontan. Im Mai entschloss ich mich dazu, kurzfristig zur Biennale in Venedig zu fahren. Innerhalb von nur einer Stunde hatte ich danach einen Catsitter organisiert, Flug und Hotel gebucht und war zwischendrin noch im Supermarkt einkaufen. Ein paar Tage später habe ich mir schon Kunst angeguckt und Pasta gegessen.

So etwas geht natürlich nur als Freiberuflerin ohne Kinder, aber im kleineren Rahmen können auch angestellte Kleinkind-Eltern in Berlin spontan sein. Theoretisch jedenfalls. Praktisch erlebe ich dagegen, dass es immer schwieriger wird, die Freizeit nicht auf Wochen im Voraus zu planen.

Während die Arbeitswelt zunehmend flexibler gestaltet wird durch Gleitzeit, Homeoffice oder den Umstand, dass man nun ganz ohne starre Zeitgrenzen rund um die Uhr E-Mails beantworten darf, werden die Regeln für die Feierabendorganisation rigoroser.

Die Zeiten, in denen wir spontan freitags in ein Restaurant gehen konnten, sind ja wirklich schon lange vorbei, aber nun wurden mein Begleiter und ich auch schon an einem Mittwoch vom Servicepersonal genervt weggeschickt mit dem Hinweis, ohne Reservierung ginge wirklich gar nichts mehr. Und das in einer Pizzeria im Wedding. Wer in ein bisschen angesagtere Läden gehen möchte, braucht einen noch viel längeren Atem. Bis man dort einen freien Tisch bekommt, hat sich die SPD schon fünfmal erneuert.

Aber das Problem gibt es nicht nur bei Restaurants. Wer über die Wartezeiten in Berliner Ämtern meckert, hat noch nie versucht, einen Friseurtermin in Mitte auszumachen. Mitunter vergehen viele Wochen, bis einem endlich die Haare geschnitten werden. Das erklärt eventuell die desolate Berliner Frisurensituation, meine auf jeden Fall.

Während ich diesen Text schreibe, versuche ich parallel ein Boot für einen Tagesausflug mit Freundinnen zu mieten. Ich dachte, ich gehe da besser mal auf Nummer sicher und reserviere schon vier Wochen im Voraus eines. Aber da habe ich die Rechnung ohne Berlins Freizeitkapitäne gemacht. Alle guten Optionen sind bereits lange ausgebucht. Es muss da draußen Menschen geben, die schon im März ihre Sommerwochenenden verplanen. Da überkommt mich eine Mischung aus Angst und Respekt, allerdings auch ein bisschen Ärger. Denn es sind ja diese Planer, die uns spontanen Menschen die Suppe versalzen.

Wenn ich in einer pulsierenden, glitzernden, sich ständig selbst neu erfindenden Metropole wohne, möchte ich doch auch mal spontan den Augenblick nutzen. Und wenn ich in Berlin wohne, auch.

Insofern habe ich vollste Sympathie für Menschen in Berlin und Umgebung, die nur ungerne oder sehr ungenügend planen. Ein bisschen schade dennoch, dass ausgerechnet die anscheinend allesamt am Flughafen Berlin Brandenburg arbeiten. Dessen Eröffnung im Oktober nächsten Jahres wird ja jetzt auch wieder angezweifelt. Wenn wir mit etwas planen können, dann also mit einem weiterhin chaotischen Flughafen Tegel.

Ansonsten habe ich einen guten Tipp an alle, die ihre Freizeit nicht mit Onlinebuchungssystemen oder am Telefon mit Reservierungen verbringen möchten. Auch in Berlin können wir Abende ohne Planungsvorbereitungen begehen: Immerhin haben wir die Möglichkeit, jederzeit ganz spontan einen ruhigen Abend bei uns zu Hause zu machen.

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