Kolumne

Spontan oder erarbeitet

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Es gibt wichtige und unwichtige Sätze. Und es gibt besondere Sätze, die einenum den Schlaf bringen oder zum Nachdenken anregen.

Eigentlich könnte ich jetzt diesen einen Satz hierhin schreiben, und damit wäre dann alles gesagt. Es bedürfte keiner weiteren Ausführung und keiner Vertiefung.

Es gibt solche Sätze. Manche werden feierlich ausgesprochen, lange vorbereitet, erübt, erfeilt und ertüftelt. Zuerst gefangengehalten, eingepfercht und ohne Hofgang – und schließlich, wenn der Tag gekommen ist, hinausgelassen in die Welt.

Andere aber werden einfach so dahingesagt. Ohne Anlauf. Herausgehaucht, gepresst, geschrien oder gerülpst. Spontan, der Situation geschuldet, womöglich gar ohne Absicht. Sätzen geht es also wie Gemälden, Skulpturen, Teigen oder Soßen. Manche entstehen im Handumdrehen, andere brauchen ihre Zeit. Nicht selten entstehen gewaltige Sätze auch durch Missgeschicke. Das haben sie gemein mit Gerichten wie Filet Stroganoff, Wiener Schnitzel oder Kaiserschmarrn.

Beispiele für bedeutende Sätze gibt es Tausende. Sie lassen sich in Archiven genauso finden wie in Familien, wo an Weihnachten immer wieder erzählt wird, wie Onkel Willi weiland 1982 mal das oder das gesagt hat. Solche Sätze stehen wie Monumente, sie sind in Marmor gemeißelt oder in Beton gegossen, sie sind die Pyramiden des gesprochenen Worts. Ja, des gesprochenen.

Hier ist nämlich nur von der Rede die Rede, nicht von der verschrifteten Literatur. Das ist eine andere Disziplin. Bei Literatur sind andere Urheber am Werk, und sie schaffen aus anderen Anlässen.

Bedeutende Sätze indes entstehen häufig sogar durch spontanes Abweichen von sorgsam von professionellen Geisterschreibern entwickelten Vorlagen. Perfektionisten darin waren zum Beispiel Altbundespräsident Heinrich Lübke („Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Neger“) oder der einstige bayerische Landesvater Edmund Stoiber („Sie steigen in München in den Hauptbahnhof ein...“).

Andere hingegen verhaspeln sich, sobald sie den Mund aufmachen. So etwa der Fußballer Lothar Matthäus, der Meister des gesprochenen Fauxpas („Wäre, wäre, Fahrradkette“). Das ist nicht schlimm, er meint es nicht böse. Böse ist nur, so jemanden als Kolumnisten zu beschäftigten, wie „Bild“ das tat. Dann nämlich wird der Lapsus vorsätzlich instrumentiert, aus einem Dummgebabbel ein Giftpfeil, ein Wort zur Waffe und Matthäus zum Auftragskiller.

Das ist nicht sonderlich dramatisch, so lange es nur um Fußball geht. Der ist nur eine Nebensache, wenn auch für viele die schönste der Welt. Wirklich böse aber wird das unüberlegte Geschwätz, wenn es um Politisches und Gesellschaftliches geht.

Da muss man gar nicht erst den alten Pfälzer Weinbauern erwähnen, der mich vor einiger Zeit mit der These „Es ist ja erwiesen, dass die Juden nicht so intelligent sind wie wir“ spontan seinen Riesling wieder ausspucken ließ. Es reicht Geringeres.

So jener Satz, den ich dieser Tage in einer Straßenumfrage der „Tagesschau“ aufschnappte. Er ist von solch ausgesuchter Hohlheit, dass ich vergangene Nacht von ihm träumte und kopfschüttelnd aufwachte.

Deswegen hätte er auch gereicht, ihn an den Anfang dieses Textes zu stellen und ihn kommentarlos dort zu belassen. Er lautet: „Ich beziehe meine Informationen aus dem Internet, und die decken sich nicht mit dem, was ich von der Presse und dem Fernsehen serviert bekomme.“

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