+
SPD: Führung gesucht

Leitartikel

SPD: Führung gesucht

  • schließen

Es fällt nicht nur der SPD schwer, Chefs zu finden. Ein Grund sind die hohen Erwartungen an Politiker. Außerdem werden politische Probleme immer komplexer und schwerer zu lösen.

Es blieb der Deutschen Presse-Agentur nichts anderes übrig, als auch diese Kandidatur zu vermelden. So überschrieb sie also am Donnerstagabend einen Bericht mit den Worten: „Jan Böhmermann: Ich möchte SPD-Vorsitzender werden.“

Allen ist klar, dass der ZDF-Satiriker mal wieder seinem Kerngeschäft nachgeht – der Satire; einer Satire übrigens, deren Originalität sich in Grenzen hält. Der ehemalige SPD-Sprecher Tobias Dünow twitterte zu Recht: „Politik ist kein Spiel.“

SPD-Vorsitz: Böhmermann unter den Kandidaten nicht der einzige Satiriker

Böhmermann ist unter den bisherigen Kandidatinnen und Kandidaten für den Vorsitz der Sozialdemokraten nicht der einzige Satiriker. Es gibt im 20-köpfigen Bewerberfeld mindestens drei ganz unbekannte Aspiranten, denen es nur um die von Andy Warhol benannten 15 Minuten Ruhm zu gehen scheint.

Die Grünen kennen dieses Phänomen von der Urwahl der Spitzenkandidaten im Jahr 2012. Ein die anderen Konkurrenten in den Schatten stellender Kandidat – ob weiblichen oder männlichen Geschlechts – ist bei der SPD hingegen nicht zu sehen. Das hat Gründe.

Die SPD befindet sich in einem ordnungslosen Zustand, in dem nun vieles dem freien Spiel der Kräfte überlassen wird. Das muss kein Schaden sein. Womöglich wird der Wettbewerb um die Gunst der Partei zeigen, wer stark ist und wer nicht. Auf diese Weise könnte sich das künftige Duo jene Autorität verschaffen, die die letzten Vorsitzenden nie hatten oder allmählich verloren.

Matthias Platzeck bekam 99,4 Prozent der Stimmen  

Dass Matthias Platzeck auf einem SPD-Parteitag einst 99,4 Prozent der Stimmen bekam und dann rasch angefochten wurde und sich zurückzog, zeigt umgekehrt, wie wenig derartige Ergebnisse im politischen Leben wert sind. Das Schicksal des früheren Verteidigungsministers Karl-Theodor zu Guttenberg, dessen Charme viele erlegen sind, spricht für sich.

Der auffällige Mangel an überzeugenden Führungspersönlichkeiten heute hat überdies strukturelle Gründe, die nicht für die SPD allein gelten, sondern für alle Parteien. CDU-Chefin Annegret Kramp-Karrenbauer sitzt ja ebenfalls alles andere als fest im Sattel.

So haben gerade die Volksparteien zunehmend weniger Mitglieder, aus denen sich Personal für Spitzenpositionen rekrutieren ließe. Auch ist eine bruchlose Karriere dort längst nicht mehr garantiert. Hinzu kommt, dass die Anfechtungen, denen Politiker ausgesetzt sind, zugenommen haben. In Zeiten der digitalen Netzwerke gibt es kaum noch geschützte Räume. Die Dynamik der Meinungsbilder, denen Politiker unterworfen sind, ist erheblich – und die Bereitschaft zu Hass und Häme nicht minder.

Der Mord an dem Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke (CDU) hat der politischen Klasse vor Augen geführt, dass selbst Leib und Leben in Gefahr sein können. Schließlich werden die politischen Probleme immer komplexer und größer; manches Problem – allen voran der Klimawandel – wirkt nahezu unbeherrschbar. 

Wer traut sich da noch, Lösungen anzubieten und im Falle des Scheiterns den Kopf hinzuhalten? Zumal wenn die Problemlösung Verzicht heißen müsste. Da erwecken auch die Grünen lieber den Eindruck, als könne im Prinzip alles so weitergehen wie bisher.

Menschen mit Charisma gesucht - wie Willy Brandt

Ohnehin wachsen Menschen mit Charisma nicht auf Bäumen. Sie sind per definitionem Ausnahmepersönlichkeiten, die alle anderen überstrahlen. Es ist ja kein Zufall, dass selbst heute noch – 32 Jahre nach seinem Rückzug als SPD-Chef – unverändert auf Willy Brandt verwiesen wird. Im Jahr 2019 wird einzig dem Grünen-Vorsitzenden Robert Habeck, der große Worte bei Bedarf nicht scheut, Charisma zugeschrieben. Das war’s.

Der Kredit, der ihm gegeben wird, wird den meisten seiner Berufskollegen nicht gewährt. Warum, das ist hier wie auch sonst schwer zu entschlüsseln. Charisma basiert aber so oder so auf der Bereitschaft eines Politikers, grundsätzlich zu werden, so zu reden und zu handeln.

Vielleicht zeigt die Vorsitzenden-Suche in der SPD deshalb vor allem, dass es falsch ist, auf Charismatiker zu warten, und besser, dass sich möglichst viele einbringen. Immerhin 20 Frauen und Männer sind bereit, die älteste Partei Deutschlands zu führen – eine Partei, die immerhin noch 438.000 Mitglieder hat. Das lässt hoffen.

Lesen Sie dazu auch:

SPD-Parteichef-Casting: Verfahren kostet wohl Millionen - NRW-Landesverband bestellt drei Duos ein

Die SPD sucht einen neuen Parteichef. Bewerber gibt es inzwischen etliche. Die Partei rechnet mit Kosten im Millionenbereich, die erheblich variieren können.

SPD-Vorsitz: Böhmermann macht tatsächlich ernst - und sorgt doch wieder für Verwirrung

Böhmermann kehrt mit einem Coup aus der Sommerpause zurück und startet eine große Online-Kampagne für seine Kandidatur auf den Parteivorsitz.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare