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Donald Trump konnte als Außenseiter punkten.

Frankreich und USA

Spaltprodukte der Zertrümmerung

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Emmanuel Macron und Donald Trump haben eines gemeinsam: Sie sind das Produkt des zerstörten Parteiensystems ihrer Länder. Der Leitartikel.

Im Jahr 1990 begann das Sowjetsystem auseinanderzubrechen. Inzwischen knickt auch im Westen die Nachkriegsordnung ein. Als in Italien Anfang der 90er Jahre nacheinander Kommunistische Partei und Christdemokratie zusammenbrachen, als dann ein Condottiere – Silvio Berlusconi – nach der Staatsmacht griff, da gab es viele, die das als politische Folklore des schönen, chaotischen Italien betrachteten. Tatsächlich war es damals ein Blick in die Zukunft.

Die Gleichgewichte, in denen sich zum Beispiel Österreich oder Frankreich seit den frühen Nachkriegsjahren eingerichtet hatten, sind ebenfalls ins Rutschen geraten. Inhaltlich schon sehr, sehr lange. Spätestens seit 2008 auch politisch. „Systemrelevant“, wurde den europäischen Bürgern damals von den beim Regieren einander ablösenden Parteien erklärt, sind nicht sie, sondern die Banken. Die Globalisierung hat die großen Mächte der Welt von 1945 schrumpfen lassen. An ihre Stelle sind andere getreten. Innenpolitische und weltwirtschaftliche Entwicklungen wirken zusammen – und das umso chaotischer, je unübersichtlicher die weltpolitische Lage wird.

Emmanuel Macron und Donald Trump sind Spaltprodukte der Zertrümmerung des jeweiligen Parteiensystems. Ohne die völlige Selbstzerlegung der Republikaner hätte es Trump, der vor ein paar Jahren ebenso gut noch auf einem Demokratenticket – unterstützt von den Clintons – in die Politik hätte gehen können, nicht geschafft, republikanischer Präsidentschaftskandidat geschweige denn Präsident der USA zu werden.

Macron ist aus der Konkursmasse des französischen Parteiensystems hervorgegangen. Undenkbar, dass früher jemand aufgetreten wäre und gesagt hätte: Ich bin nicht links, ich bin nicht rechts. Ich nehme das Gute von links und das Gute von rechts. Macron und Trump sind Produkte eines Zerfalls, die sich als dessen Therapie ausgeben. Macron fordert eine „Revolution“ für Frankreich und für die EU gleich mit. Trump will Amerika wieder groß machen.

Beide verdanken ihren Erfolg ihrer Selbstdarstellung als Außenseiter. Trump führte die Farce auf: Milliardär als Rächer der Entrechteten. Ein Stück, das Italien lange den Atem und dann die Luft zum Atmen raubte. Macron, der sein Handwerk als Vermögensverwalter der Rothschilds lernte, will Frankreich fit machen für das 21. Jahrhundert. Bei ihm gibt es keinen nostalgischen Blick zurück zu vergangener Größe. Sein Credo ist: Yes, we can.

Bei Trump kann man sicher sein, dass er, wenn er einmal kein Präsident mehr ist, reicher sein wird, als er es war, als er es wurde. Bei Macron scheint niemand davon auszugehen, dass es ihm um persönliche Bereicherung geht. Der Verdacht ist mehr, dass das Finanzkapital – ein altmodischer Begriff aus dem Jahre 1910 – als Phönix aus der Asche eines von ihm zertrümmerten französischen Wirtschaftssystems aufsteigen könnte. Der ehemalige sozialistische Premier Manuel Valls hat nicht nur die Sozialistische Partei Frankreichs, die dortige Sozialdemokratie, für tot erklärt, sondern wird – gab er bekannt – im Juni bei den Parlamentswahlen für Macrons Bewegung La Republique En Marche antreten.

Macrons Optimismus, sein Vertrauen in die Kraft der Franzosen, sich den totalitären Versuchungen von rechts und links widersetzen zu können, ist das Gegenteil von Trumps Nationalismus, der auf die Verachtung der anderen setzt. Macrons Programm und sein Stil haben mehr Ähnlichkeit mit dem des einstigen Präsidentschaftskandidaten Barack Obama als mit dem Trumps. Schon Obama hatte als Außenseiter gegen Hillary Clinton gesiegt. Die USA hatten – so gesehen – schon ihren Macron.

Donald Trump ist der Rollback des chauvinistischen weißen Amerika gegen den liberalen schwarzen Obama. Wenn Macron scheitert, und es wird ihm kaum etwas anderes übrigbleiben, wird es auch in Frankreich einen Rollback geben. Von dem wird Europa sich nicht so bald erholen. Europa nicht und die einzelnen Länder Europas ebenso wenig.

Und Deutschland? Hierzulande sind Christdemokraten und Sozialdemokraten nach wie vor wichtig. Sie haben sich – noch – nicht völlig zerlegt. Aber ein Bundestag, in dem außerdem noch Grüne, AfD und FDP wären, wäre der Weg in eine andere Republik. Die brauchen wir allerdings auch. Die Regierung Merkel ist unser Glück – Deutschland geht es besser als fast allen anderen Staaten der Welt. Sie wäre aber unser Unglück, wenn wir glaubten, wir könnten uns auf dem Status quo ausruhen, statt ihn zu nutzen, uns den neuen Herausforderungen in Deutschland, in Europa, in der Welt zu stellen.

Fatal wäre es, wir hätten nach Merkel … Tja, hat jemand eine Ahnung, wer nach Merkel kommen könnte? Martin Schulz wird es nicht sein. Nirgends ist jemand zu sehen, der auch nur im Entferntesten den Eindruck erwecken könnte, er wäre Insider und Außenseiter zugleich. Aber wir wissen ja jetzt, dass solche Figuren plötzlich da sein können. Wie aus dem Nichts. Aber so erscheinen sie natürlich nur denen, die selbst ganz im System stecken und nicht über es hinaus sehen können.

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