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Die Unterarme des Angeklagten wurden mit Handschellen auf dessen Rücken verkettet.
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Die Unterarme von Derek Chauvin wurden nach dem Schuldspruch mit Handschellen auf dessen Rücken verkettet.

Leitartikel

Späte Gerechtigkeit für George Floyd

  • Karl Doemens
    VonKarl Doemens
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Ein weißer Polizist ist in den USA für die Tötung eines Afroamerikaners verurteilt worden. Das passiert so selten, dass man von einem historischen Tag sprechen kann. Die strukturellen Probleme der US-Polizei sind damit aber nicht verschwunden. Der Leitartikel.

Am Ende immerhin stand ein denkwürdiges Bild: Die Unterarme des Angeklagten wurden mit Handschellen auf dessen Rücken verkettet. Ein Sheriff packte den ausdruckslosen Mann und führte ihn aus dem Gerichtssaal. Die nächsten Jahre oder auch Jahrzehnte seines Lebens dürfte der weiße Ex-Polizist Derek Chauvin im Gefängnis verbringen. Stärker hätte der Kontrast zu den schockierenden Bildern kaum sein können, die den 45-Jährigen mit markigem Blick und durchgedrücktem Knie neuneinhalb Minuten lang auf dem Nacken eines gefesselten Afroamerikaners zeigen, der verzweifelt nach Luft schnappt, das Bewusstsein verliert und stirbt.

Das Urteil, das die zwölf Geschworenen in Minneapolis nun gefällt haben, macht George Floyd nicht wieder lebendig. Aber es gewährt dem Schwarzen posthum zumindest eine Form von Gerechtigkeit. Schuldig in allen drei Punkten der Anklage, lautet der einstimmige Spruch der Jury, nach dessen Verkündung in vielen Städten der USA lauter Jubel ausbrach: Ein weißer Polizist ist für die Tötung eines Afroamerikaners nicht nur angeklagt, sondern auch verurteilt worden, und er wird für viele Jahre hinter Gittern wandern. Was wie eine Selbstverständlichkeit klingt, passiert höchst selten. Schon jetzt kann man das Urteil daher historisch nennen.

Brutale Polizeigewalt ist in den USA an der Tagesordnung – und überproportional häufig sind die Opfer keine Weißen. Es sind Menschen wie George Floyd, der kein einfaches Leben geführt hatte, in seiner texanischen Heimat mit dem Gesetz in Konflikt kam, nach Minnesota zog, um neu zu beginnen, immer wieder mit seiner Drogensucht zu kämpfen hatte und am Ende in der Pandemie seinen Job als Türsteher verlor. Es sind Menschen, die Hilfe brauchen und stattdessen plötzlich die Pistole eines Uniformträgers am Kopf oder dessen Knie auf dem Hals haben.

Der Anlass, der die tödliche Polizeiaktion vor zehn Monaten auslöste, war lächerlich: Floyd soll eine Packung Zigaretten mit einem falschen 20-Dollar-Schein bezahlt haben. Der 46-Jährige war unbewaffnet und widersetzte sich seiner Festnahme nicht – und trotzdem lag er eine Stunde später tot auf dem Asphalt. So unerhört der Vorfall war – zum nationalen Ereignis wurde er wohl nur, weil eine jugendliche Passantin die ganze Szene mit ihrem Handy filmte. Die Aufnahmen schockierten das Land und die ganze Welt. „I can’t breathe“ (Ich kann nicht atmen), die letzten Worte des Opfers, wurden zum Protestruf einer breiten Bewegung. Überall in den USA gab es im vorigen Sommer Demonstrationen und Krawalle. Längst ist Floyd zum Symbol geworden für Missachtung, Diskriminierung und staatliche Gewalt, die Schwarze in den USA seit langem ertragen müssen.

Die Bedeutung des Urteils ist daher nicht zu überschätzen: Es sühnt auf der persönlichen Ebene ein Verbrechen. Aber mehr noch ist es ein politisches Signal, dass in dieser Gesellschaft auch das Leben eines Schwarzen geschützt wird. „Der Fall ist genau das, was sie gedacht haben, als sie das Video gesehen haben“, gab der Staatsanwalt der Jury zu bedenken, während die Verteidigung versuchte, Floyds Tod mit abenteuerlichen Theorien mal auf dessen Herzprobleme, mal auf seinen Drogenkonsum und am Ende auf die Abgase des Polizeiautos zu schieben. Die Geschworenen haben sich davon nicht beeindrucken lassen: Sie schöpften für ihr Verdikt den maximalen Rahmen aus.

In den USA, wo für den Fall eines Freispruchs mit schweren Unruhen gerechnet worden war, macht sich landesweit Erleichterung breit. Am Ende hat der Prozess den relativ besten Ausgang genommen. Doch so unerhört der nun geahndete Tod von George Floyd war – so wenig außergewöhnlich ist der Fall des Ex-Polizisten Chauvin. Kaum war das Gericht vor drei Wochen zusammengekommen, starb nur zehn Meilen entfernt der 20-jährige unbewaffnete Schwarze Daunte Wright durch eine Polizeikugel. Sein Vergehen: ein abgelaufenes Nummernschild. Die Beamtin hatte mutmaßlich Elektroschocker und Pistole verwechselt.

So wichtig das Urteil von Minneapolis daher ist: Die Probleme einer Polizei, die unzureichend ausgebildet, alleine auf Härte geschult und paramilitärisch ausgerüstet ist, sind damit nicht verschwunden.

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