Leitartikel

Zu spät und zu wenig

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Wenn es um Hilfe für Familien geht, folgt die Regierung einem fragwürdigen Motto: Man muss die Lage nur lange genug ignorieren, dann werden die Leute ihre Probleme von alleine lösen.

In Zeiten der Corona-Pandemie gibt es eine Politik der zwei Geschwindigkeiten. In atemberaubend kurzer Zeit hat der Staat beschlossen, unvorstellbare Milliardensummen als Kredite aufzunehmen, um die Wirtschaft zu stützen. Das war goldrichtig. Nur so ließ sich ein noch schlimmerer Absturz verhindern – zum Wohl der Menschen.

Doch als es darum ging, eine Hilferegelung für Eltern zu verlängern, ereignete sich ein unwürdiges Gezerre. Nun gibt es doch noch ein Ergebnis: Statt maximal sechs Wochen können Vater und Mütter je bis zu zehn Wochen eine Lohnersatzleistung von 67 Prozent vom Staat bekommen, wenn sie wegen der Schließung von Kita oder Schule ihre Kinder zu Hause betreuen müssen und deshalb nicht zur Arbeit gehen können. Alleinerziehende haben Anspruch auf bis zu 20 Wochen.

Die Verlängerung der Regelung war dringend notwendig. Sie ist richtig, aber weniger großzügig, als es auf den ersten Blick scheint. Eltern haben nämlich keinen Anspruch auf die Hilfe, wenn sie im Homeoffice arbeiten können. Der Gesetzgeber stellt sich an dieser Stelle bewusst dumm und tut so, als ließen sich die Kinder im Homeoffice einfach so nebenher betreuen. Das ist eine lebensfremde Unterstellung, die viele Familien an die Grenzen ihrer Belastungsfähigkeit gebracht hat.

Es ist das vielleicht größte Dilemma in der Corona-Krise: Nichts hilft den Eltern so sehr wie eine verlässliche Rückkehr zum Regelbetrieb in den Kitas und in den Grundschulen. Gleichzeitig sind gerade dort Abstände und Hygieneregeln besonders schwer einzuhalten. Auch wenn Verbände und einige Ärzte schon mal so tun, als wüssten sie alles, sieht die Realität so aus: Die Wissenschaft ist sich selbst unsicher, welche Rolle Kinder bei der Verbreitung von Corona spielen. Vieles, was einige Mediziner und Verbände fordern, ist eine „starke Meinung“, wie der Virologe Christian Drosten zu Recht sagt – mehr nicht.

Niemand sollte der Politik vorwerfen, dass sie eine gewisse Vorsicht an den Tag legt. Bundesbildungsministerin Anja Karliczek (CDU) hat recht, wenn sie vor einem „Überbietungswettbewerb“ in Sachen Schul- und Kitaöffnung warnt. Hart kritisieren muss man die Verantwortlichen in Bund und Ländern aber dafür, dass sie nicht von Anfang konsequent einen Forschungsschwerpunkt mit Blick auf die Ansteckung von Kindern und durch Kinder in der Pandemie angestoßen haben. Hätte es hier mehr Weitsicht gegeben, wäre Deutschland an dieser Stelle womöglich schon weiter.

Insbesondere irritiert, mit welcher Selbstverständlichkeit große Teile der Politik – Kanzlerin Angela Merkel (CDU) inklusive – noch immer davon ausgehen, dass die Familien und allen voran die Mütter die Probleme schon stemmen werden, wenn man ihre schwierige Situation nur penetrant genug ignoriert. Da oft die Männer noch immer die höheren Löhne haben, stecken vielfach die berufstätigen Frauen zurück. Sie betreuen die Kinder am Tag und setzen sich spätabends und nachts noch mal an den Rechner.

Warum gibt es kein Corona-Elterngeld, das in der Krise unkompliziert allen Müttern und Vätern offenstünde? Warum hat die SPD nicht viel früher ihren Vorschlag eines Familiengeldes in die Debatte eingebracht, mit dessen Hilfe Eltern die Arbeitszeit reduzieren können? Das ist ein kluger Ansatz, weil er es Männern und Frauen ermöglicht, sich Erwerbs- und Familienarbeit untereinander aufzuteilen. Das wollen auch immer mehr jüngere Väter. Und es ist höchst bedauerlich, wenn die Krise und der Gender Pay Gap – also die ungerechten Unterschiede zwischen den Geschlechtern in Sachen Löhne und Gehälter – Familien zurück in Rollenmodelle zwingen, die diese gar nicht leben möchten.

Wenn die große Koalition in Kürze ihr Konjunkturpaket auf den Weg bringt, sollte sie diesmal darauf achten, dass die Frauen nicht schon wieder vergessen werden. Alles, was den Familien, den Frauen, den Menschen in Pflegeberufen hilft, ist eine Abwrackprämie gegen die gesellschaftliche Ungerechtigkeit.

Die Soziologin Jutta Allmendinger hat gewarnt, die Frauen würden durch die Corona-Krise „eine entsetzliche Retraditionalisierung“ erfahren – „und dass wir von daher bestimmt drei Jahrzehnte verlieren“. Ist das nicht übertrieben? Das ist zu hoffen. Die Politik muss jetzt arbeiten, damit aus der Befürchtung nicht gesellschaftliche Wirklichkeit wird.

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