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Weltweit sind Milliarden Menschen täglich mit Textilien in Kontakt.

Faire Textilproduktion

Soziale und ökologische Standards definieren

Das Bündnis für nachhaltige Textilien weckt Erwartungen. Es könnte Menschen helfen und ein Vorbild werden. Der Gastbeitrag.

Von Marc Sommer

Kleider machen Leute reich und Kleider machen Leute arm. Weltweit sind Milliarden Menschen täglich hautnah mit Textilien in Kontakt. Abgesehen vom täglichen Brot dürfte wohl kaum ein anderer Stoff so stark das Alltagsleben bestimmen wie unsere Kleidung. Und die industrielle Revolution nahm mit der Massenproduktion von Bekleidung ihren Anfang.

An den Baumwollplantagen der nordamerikanischen Südstaaten entzündete sich der Kampf um die moderne Sklaverei. Im Ringen zwischen Kapital und Arbeit waren es vor allem die Zustände an den Webstühlen Europas, die Streiks und Proteste provozierten. Es sind kaum zweihundert Jahre vergangen, seit auch in Europa, am Niederrhein, in Westfalen, in Schlesien und Sachsen Minderjährige lebensgefährliche Reinigungsarbeiten bei laufendem Betrieb der Webstühle durchführen mussten. Inzwischen haben moderne Maschinen und technische Werkzeuge ihren Siegeszug nach China, Indien und Vietnam angetreten. Aber hat der „Fortschritt“ der Technik den Menschen auch ein besseres Leben beschert?

In Europa mündete der Siegeszug der Technik in der Textilindustrie in die erste Arbeitsschutzordnung in Großbritannien. Der Moral and Health Act vom 22. Juni 1802 zielte insbesondere auf die Baumwoll- und Schafwollfabriken. Erstmals durften Fabrikinspekteure jede Fabrik zu jeder Zeit betreten, die Beschäftigten befragen und Erkundigungen einholen. In Preußen und Österreich beobachteten Beamte als Gewerbeinspektoren die Arbeitsverhältnisse sowie die Durchführung der Arbeiterschutzbestimmungen.

Von einer auch nur annähernd angemessenen Fabrikgesetzgebung, geschweige von einem Ausgleich zwischen Kapital und Arbeit, wie er in der Mitte des 20 Jahrhunderts für einen vorher nicht für möglich gehaltenen Wohlstand in Europa und Nordamerika gesorgt hat, kann global nicht die Rede sein. Heute steht der Einsturz einer Fabrik in Bangladesch als ein Symbol für die vielfach aus dem Ruder gelaufene Arbeitsteilung und für die hemmungslose Ausbeutung der schwächsten Glieder am Ende der Wertschöpfungskette. Tatsache ist, dass die Welt zusammenwächst und immer mehr Menschen als Arbeitnehmer und Arbeitgeber, Produzenten oder Konsumenten in Austausch treten. Spezialisierung bestimmt die „totale Arbeitsteilung“ wie der Unternehmer und Gründer der Drogeriemarktkette dm Götz Werner die Globalisierung auf den Punkt gebracht hat.

Diese Arbeitsteilung hat eine ökonomische, eine ökologische und eine soziale Dimension. Während sich die ökonomischen und ökologischen Ursachen und Folgen mit mathematischer Sicherheit bestimmen lassen, zielt die soziale Dimension auf die Menschen, die entlang der Wertschöpfungskette arbeiten, ihre Bezahlung, ihre Arbeitszeit, ihre Interessenvertretung und ihre Wertschätzung. Hier spielen kulturelle Prägungen die entscheidende Rolle. Jeder Arbeitsvertrag und jedes Gehalt steht dabei in Relation zu Mieten, Lebenshaltungskosten, Gesundheitsversorgung und der Möglichkeit der freien eigenen Interessenorganisation.

Da sich inzwischen das Schönfärben unangenehmer Sachverhalte, kurz Greenwashing genannt, zu einer Königsdisziplin in Handel und Industrie entwickelt hat, wäre es verwunderlich, wenn freiwillige Selbstverpflichtungen Verbrauchern eine echte Entscheidungsgrundlage böten. Wer hätte die marktführenden Unternehmen der Textilwirtschaft in den vergangenen Jahren daran gehindert, verlässliche Spielregeln aufzustellen? Das ist ja das große Verantwortungsparadox in vielen Branchen, dass führende Unternehmen mit Energie gegen mehr Transparenz kämpfen und im Anschluss den Kunden den Schwarzen Peter zuschieben, weil diese angeblich nur auf den Preis achten.

Das von Bundesentwicklungsminister Gerd Müller initiierte Bündnis für nachhaltige Textilien hat Erwartungen geweckt. Ein branchenweites Textilsiegel soll Verbrauchern mehr Transparenz für eine eigenverantwortliche Entscheidung garantieren. Viele Kunden würden gerne mit ihrem Einkauf „abstimmen“, stehen aber ratlos vor einer Fülle unterschiedlichster Auszeichnungen und Siegel.

Im Zuge der globalen Migrations- und Flüchtlingsbewegungen hat sich die soziale Brisanz weiter verschärft. Die Handarbeit in der Textilindustrie ist für viele Flüchtlinge ein naheliegender Einstieg in den Arbeitsmarkt. Denn sie wollen niemandem zur Last fallen, sondern für das Auskommen ihrer Familien sorgen. Mit Sorge sehen Nichtregierungsorganisationen, dass in der Not soziale Standards ausgehebelt werden können, erreichte Lohnniveaus erodieren. Hier sollte das Textilbündnis ansetzen und für überprüfbare Standards einstehen, damit sich endlich die Spreu vom Weizen trennt und rücksichtsloses Verhalten nicht weiter belohnt wird.

Mindestens in Deutschland sollten soziale und ökologische Standards verbindlich definiert, staatlich garantiert und unabhängig überprüft werden.

Deutschland übernimmt Verantwortung in der Welt und gibt ein Beispiel, das Schule machen kann. Mehr Rücksicht auf Mensch und Umwelt in globaler Perspektive wird greifbar. Arbeiter und ihre Familien in den Produktionsländern gewinnen eine reelle Perspektive zur Verbesserung ihrer elementaren Lebensumstände. Dieses „Kleid“ würde dem „Exportweltmeister“ in der Gemeinschaft der Völker gut zu Gesicht stehen.

Marc Sommer ist Vorsitzender der Geschäftsführung von Hessnatur. Mit dem Thema faire Textilproduktion beschäftigt sich am 19. November (18.30 Uhr) das „Forum Entwicklung“ im Frankfurter Saalbau Südbahnhof, Hedderichstraße 51.

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