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Die Aufwertung sozialer Berufe ist auch eine Frage der Gleichberechtigung.

Pflege

Soziale Berufe ringen um Anerkennung

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Die Politik verspricht Erzieherinnen und Altenpfleger seit Jahren höhere Löhne. Einige von ihnen wollen darauf nicht mehr warten.

Michael Bergmann hat seine Berufung gefunden. Er ist Erzieher geworden. Als einziger Mann arbeitet er in einem Familienzentrum im hessischen Maintal. Sein Traumjob – eigentlich. Doch Bergmann denkt ans Aufhören. Eine Grenze sei erreicht, sagt er. Sein Idealismus ist fast verbraucht. Er kann nicht mehr. Viel zu viel – für viel zu wenig. Was Bergmann fehlt: die Wertschätzung seiner Arbeit. Und zwar nicht nur mit warmen Worten, einem Schulterklopfen oder gar einer Auszeichnung – sondern vor allem finanziell.

Das Beispiel aus der Praxis ist traurige und bittere Realität. Soziale Berufe ringen in Deutschland um Anerkennung und Wertschätzung. Eine Aufwertung, wie sie von vielen Politikerinnen und Politikern gefordert wird, wird noch Jahre dauern, geht es in diesem Tempo weiter. Dort, wo Leben beginnt und wo es endet, wird geknausert und peinlich genau gerechnet. Auf Kosten der Schwächsten. Auf Kosten der Engagierten. Und das in einer Zeit, in der Menschlichkeit und Zusammenhalt stärker denn je gefragt sind. Und offenbar hat man die Brisanz der Lage noch immer nicht verstanden.

So wie dem jungen Mann geht es vielen in Deutschland, die in sozialen Berufen arbeiten. Je nach Bereich trifft es aber meist die Frauen: In der Kindertagespflege sind 95 Prozent der Angestellten weiblich, in Pflegeberufen rund 80 Prozent. Die Aufwertung sozialer Berufe ist auch eine Frage der Gleichberechtigung.

„Frauenberufe“ scheinen weniger wert zu sein.

Daher ist es doppelt schmerzhaft, wenn männliche Vorbilder wie Bergmann ihren Job nicht mehr machen wollen oder können. Sie können einen unersetzlichen Beitrag dazu leisten, die Grenzen zwischen typischen „Frauenberufen“ und „Männerberufen“ zu verwischen, im besten Fall: sie aufzuheben. Immer noch beherrschen Stereotype die Bezahlung. „Frauenberufe“ scheinen weniger wert zu sein.

Eine Folge: Bis zum Jahr 2025 fehlen in Deutschland 300.000 Erzieherinnen und Erzieher. Vor allem, weil der Job finanziell unattraktiv ist. Die Kita-Not in vielen Städten basiert meist auf Fachkräftemangel. In der Alten- und Krankenpflege sind bundesweit 36.000 Stellen nicht besetzt.

Einer Studie zufolge könnten bis zum Jahr 2030 eine halbe Million Fachkräfte in der Altenpflege fehlen. Die demografischen Entwicklungen werden diesen Zustand weiter verschlimmern – Deutschland wird immer älter.

Die 8000 zusätzlichen Stellen, die Union und SPD im Koalitionsvertrag versprochen haben, scheinen vor diesem Hintergrund nicht nur wie ein Tropfen auf dem heißen Stein, sondern sie lösen ein Problem nicht. Woher sollen diese Stellen kommen? Schon jetzt können freie Posten nicht besetzt werden.

Dieses Loch wird sich nicht mit aufmunternden Worten stopfen lassen. Es hilft nicht, immer wieder zu betonen, welchen gesellschaftlichen Wert die Arbeit mit Menschen hat. Denn dass sie ihn hat, wird jeder spätestens dann begreifen, wenn er auf Hilfe angewiesen ist. Sei es, um einen Platz für das Kind zu bekommen, weil man selbst wieder arbeiten gehen will oder muss. Oder aber, weil ein Angehöriger Pflege bedarf oder man selbst krank wird. Menschen, die sich dieser Aufgabe widmen, halten unsere Gesellschaft zusammen. Nicht nur das. Sie tragen Verantwortung.

Diese Aufgaben müssen vor allem eins: angemessen entlohnt werden. Nur so können soziale Berufe aufgewertet werden. Dem Aufwertungs-Mantra müssen endlich Taten folgen.

In der Pflege braucht es Branchentarifverträge

In der Pflege braucht es dazu Branchentarifverträge. Die sollen laut Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) nächstes Jahr kommen. Ob sie allerdings allgemeingültig und damit bindend für die gesamte Branche sein werden, also auch für nicht tarifgebundene Unternehmen, steht in den Sternen. Private Einrichtungen wehren sich dagegen. Und sie machen einen Großteil der Pflegeinrichtungen aus. Für kirchliche Träger gelten wiederum andere Regelungen.

Absolut unverständlich ist es zudem, dass die Erzieher-Ausbildung unbezahlt ist. In der Regel besuchen die Auszubildenden vier Jahre lang ohne Vergütung eine Fachschule. In einigen Bundesländern müssen sie für die Ausbildung in Pflegeberufen Schulgeld zahlen. Statt Geld draufzulegen, sollten junge Menschen, die diesen beruflichen Weg wählen, eine angemessene Ausbildungsvergütung erhalten.

Dass Familienministerin Franziska Giffey auch die Freiwilligendienste in den Blick nimmt, ist ein wichtiges Zeichen, das sie setzt. Die sogenannten Bufdis bekommen 390 Euro Taschengeld. Ohne Unterstützung der Eltern ist so ein freiwilliges Engagement kaum möglich. Giffey will sie finanziell unterstützen, um jedem die Möglichkeit für soziales Engagement zu ermöglichen.

Das alles ist nicht umsonst. Was sich unsere Gesellschaft und die Politik noch viel weniger leisten kann, sind resignierende Menschen wie Michael Bergmann, die kurz vorm Aufgeben stehen. Das Einstiegsgehalt eines Erziehers liegt bei knapp 2600 Euro brutto. Giffey möchte erreichen, dass ihnen 500 Euro mehr bezahlt wird. Bergmann wartet darauf, dass sie ihr Versprechen umsetzt. Viel Zeit gibt er ihr nicht.

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