Gastbeitrag

Sozial braucht digital - und umgekehrt

Wohlfahrtsverbände müssen sich umstellen. Die Ansprüche von Helfenden und von Bedürftigen ändern sich drastisch.

Die deutschen Wohlfahrtsverbände, die zu den größten privaten Arbeitgebern gehören, sind herausgefordert. Die neuen Freiwilligen stellen andere Ansprüche an große Organisationen wie Rotes Kreuz, Caritas, Diakonie, Arbeiterwohlfahrt, Paritätischer und andere. Sie wollen mitreden und mitmachen.

Die Unterscheidung zwischen Helfenden und Hilfebedürftigen, Hauptamtlichen und Freiwilligen ergibt künftig immer weniger Sinn. Neue Akteure wie Sozialunternehmen und Genossenschaften betreten den Markt der Sozialwirtschaft und fordern die etablierten Verbände heraus.

Digitalisierung und Robotik werden die deutsche Sozialwirtschaft in den nächsten Jahren radikal verändern. Wohlfahrtsorganisationen müssen Digitalisierung, Automatisierung und Künstliche Intelligenz nicht fürchten. Der digitale Wandel kann zu einer barrierefreien und inklusiven Gesellschaft führen. Konkret geht es um die Themen Bildung, Pflege und Gesundheit sowie Partizipation.

Eine Mehrheit der Lehrerinnen und Lehrer, Schülerinnen und Schüler wünscht sich mehr digitale Kompetenz an den Schulen. Der Trend sind individuelle, digitale Lernwerkzeuge und Lernumgebungen. Laptop-Klassen und Tablets im Unterricht sind in vielen Ländern längst die Regel. Sie werden nicht als Ersatz, sondern als Erweiterung des traditionellen Unterrichts genutzt.

Länder wie die Niederlande, Südkorea, die USA und die meisten nordischen Länder entwickeln mit Hilfe der digitalen Medien neue Konzepte, die das Ziel verfolgen, analoges und digitales Lernen zu verbinden. In Deutschland setzt sich die Initiative „Start Coding“ (https://start-coding.de/lernen) für diese Ziele ein.

Wo Kinder modern betreut und unterrichtet werden wollen, wollen die Älteren möglichst lange selbstbestimmt in den eigenen vier Wänden wohnen. Bei der elektronischen Pflegedokumentation, der Telemedizin und digitalen Assistenzsystemen ist Deutschland ein Entwicklungsland. Die meisten Heime, Krankenhäuser, Schulen und Kitas hinken technologisch hinterher. In den Ausbildungsplänen spielt Digitalisierung bislang keine Rolle.

In Zukunft geht es nicht mehr um Hilfeleistende und Hilfeempfänger, sondern um Teilhabende, die gemeinsam Probleme lösen, analog wie digital. Der Mehr-Wert ist das Mitmachen. Gemeint sind jene Werte, die über den reinen Konsum hinausgehen, neue Formen der Partizipation ermöglichen und am Ende auch dem Gemeinwohl zugute kommen.

Neue Akteure beschleunigen die Veränderungen im sozialen Sektor. Gemeinnützige Werte sind nicht mehr das Monopol der Wohlfahrtspflege. Hybride Formen an der Schnittstelle zwischen freier Marktwirtschaft und Gemeinnützigkeit wie soziale Start-ups im Sozialunternehmen sind Vorboten einer neuen Sozialwirtschaft.

Allein die Zahl der Stiftungen hat sich in Deutschland in den letzten 20 Jahren mehr als verdoppelt. Und von den heute 8000 Genossenschaften mit etwa 22 Millionen Mitgliedern wurde jede Vierte in den letzten zehn Jahren neu gegründet. Neben den traditionellen Aufgabenfeldern Kreditwesen, Wohnen, Landwirtschaft und Konsum widmen sich die neuen Genossenschaften den Bereichen erneuerbare Energien, Breitbandversorgung, Gesundheitswesen und Pflege. Rund um den Bereich des „Caring“, der personennahen Dienstleistungen, entstehen neue und ökonomisch interessante Handlungsfelder: Kinderbetreuung, Bildung, Erziehung, Familien, Altenpflege, Wohnen, Nachbarschaften, Integration und Inklusion.

Mehr soziales Engagement geht mit mehr Wohlstand und weniger Kriminalität und Einsamkeit einher. Für den Sozialstaat 4.0 wird Partizipation, die sowohl gemeinwohlorientiert als auch selbstwirksam ist, zum Schlüsselwert. „Selbstwirksamkeit“ meint Selbstbedeutung. Nur wer autonom ist, kann auch solidarisch mit anderen sein.

Wer Demokratie und Partizipation fördern will, kommt um digitale Netzwerke und Plattformen nicht mehr herum. Selbsthilfeportale wie nebenan.de, Petitionskampagnen wie change.org, Crowdfunding und Transparenzinitiativen wie abgeordneten- watch.de stehen für einen wachsenden Trend sozialen und politischen Engagements.

Wenn es um digitale Lösungen für analoge Zwecke geht, stehen gemeinwohlorientierte Organisationen wie Stiftungen, Wohlfahrtsverbände, Genossenschaften, Parteien, Kirchen und Gewerkschaften noch am Anfang, Sie müssen neue Strategien der Kollaboration, des Mitmachens und der Solidarität entwickeln. Dazu müssen sie die vier „Hauptplayer“ der Sozialwirtschaft neu vernetzen: Zivilgesellschaft, Wirtschaft, Staat und Bürger. Sozial braucht digital und umgekehrt.

Daniel Dettling ist Gründer der Denkfabrik Institut für Zukunftspolitik und leitet das Berliner Büro des Zukunftsinstituts.

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