Kolumne

Sonnenuntergang in Da Nang

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Wenn der gehobene Mittelstand im Ruhestand ist, kann es unterhaltsam werden. Die Kolumne.

Eigentlich haben sie es ja ganz nett. Ein Rudel Rentner, gesellig, augenscheinlich gesund und gut betucht, trifft sich offensichtlich regelmäßig in einer gutbürgerlichen Gaststätte zum Mittagessen. Die Männer tragen weiße Socken und Slipper mit drei Bommeln dran, die Frauen trinken Calvados, und mit dem Kellner sind sie per Du. Gehobener Mittelstand im Ruhestand.

Sie reden viel und laut über dieses und über jenes, über das Wetter, die Frankfurter Eintracht, die Merkel, die Sauna, die Zinsen, Dry Aged Beef und Peter Altmaier. „Der hat gesagt, wie es ist“, sagt einer, „wo kein Wachstum ist, kann es keinen Wohlstand geben, oder so.“

Alle nicken und sind dann schnell bei „dieser kleinen Verrückten aus Schweden“. Empört schütteln sie die Köpfe, alle wissen, wer gemeint ist. „Habt Ihr das gesehen, wie die da in New York geredet hat? Die spinnt doch. Die will uns noch alle zu Neandertalern machen.“

Alle lachen, nicken, schimpfen und spötteln. Doch irgendwas irritiert. Sie tun das alles von einem merkwürdigen Draußen aus. Von einer Warte, die in ihrer eigenen kleinen Welt liegt. Eine wohlige Welt, die nur sie kennen, die mit der richtigen nur noch wenig zu tun hat.

Sie sind der Meinung, sich die Daseinsberechtigung in diesem Jenseitigen nach Jahrzehnten zehrender Selbstständigkeit verdient zu haben. Dann gehen sie. Aus der Entfernung hört man sie noch zum Kellner sagen: „Ja klar, Weihnachten wieder Vietnam. Sechs Wochen, wie immer.“ Dann sind sie weg.

Dezember. Ein Resort in Da Nang, weißer Sandstrand, endlos. Es wird Abend. Ich sehe sie vor meinem geistigen Auge da sitzen. Die Männer tragen weißen Socken und Schlappen mit drei Streifen drauf, die Frauen trinken Cocktails, und mit dem Kellner waren sie noch nie per Sie.

Versonnen blicken sie in den Sonnenuntergang über der Weite des Südchinesischen Meers. Je mehr sich Himmel und Meer zu einem Klischee vermählen, so melancholischer wird ihnen zumute. Sie reden immer leiser und immer bedächtiger.

Ihre Themen sind nicht mehr Wohlstand, Wachstum und gereiftes Rindfleisch, sondern das Gestern und das Früher. Ein Früher, in dem Gurken noch nach Gurken rochen und nach Gurken schmeckten. „Wenn ich aus der Schule heimkam, roch ich schon unten auf der Straße, dass es Gurkensalat gab“, sagt einer.

Dann plaudern sie weiter. „Und die Kartoffeln, die brachte immer im Herbst der Bauer mit dem Traktor und trug sie den Leuten in den Keller“ – „Und ja, Fleisch gab es nur einmal in der Woche, und weißte was, das ging auch“ – „Und in die Schule gingen wir zu Fuß, nicht so wie die heute, die werden ja von ihren Eltern gefahren“ – „Und überhaupt, wir haben gegessen, was gerade reif war. Meinste, wir hätten im Februar Erdbeeren gehabt?“ – „Und gegessen wurde, was auf den Tisch kam. Und weggeworfen wurde nix.

Ja, es war eine schöne Zeit früher“ – „Es war auch nicht so ein Krach wie heute. Nicht so viele Autos“ – „Und wenn man wohin wollte, fuhr man mit der Bahn“ – „Ach, weißte noch, diese roten Triebwagen, wo man direkt hinter dem Fahrer saß?“ – „Und was hatten wir für schöne Winter. Mit ganz viel Schnee“ – „Irgendwie waren wir doch glücklicher, oder?“ Und alle nicken, und dann geht die Sonne unter, und alle gehen ins Bett.

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