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Unsre Kolumnistin befindet sich derzeit auf Usedom, und zwar in Zempin.

Kolumne

Sonne, Strand, Klimaschutz

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Ferien von der Politik, aber nicht ohne sie. Das ist nicht immer leicht.

Falls Krieg ausbricht, nehmt die Agenturen“, vermerkte einmal ein Korrespondentenkollege in Jerusalem als PS unter seine Urlaubsmeldung. Er war Slowene, ausgestattet mit bissigem Witz, und wollte seinen Kolleginnen und Kollegen unmissverständlich mitteilen, dass ihm Ferien heilig sind. Egal was passiert.

Kolumnisten haben es da schwerer. Wir genießen zwar die Freiheit, uns über alles auszulassen, was uns in den Sinn kommt – aber das im geregelten Turnus das ganze Jahr über. Egal von wo und eben auch dann, wenn nichts passiert. Weil man gerade auf einer anderen Umlaufbahn ist, auch Auszeit oder Urlaub genannt. Weit weg von der Berliner Debattenlage, die hier in Deutschlands nordöstlichster Ecke, ziemlich entrückt wirkt.

Es ist unschwer zu erraten: Ich befinde mich auf Usedom, genauer gesagt in Zempin, dem kleinsten Bad dieser Ostsee-Insel, das noch urigen Fischercharme zu bieten hat, aufpoliert für Touristen. Mit dabei zwei Großstadtgören sowie ihr Großvater, der laut einem vor langer Zeit in Kalifornien ausgestellten Dokument mein „Significant Other“ ist.

Gleich hinterm Buchen- und Kiefernwald zieht sich ein kilometerlanger Sandstrand. Darüber der weite Himmel: blitzeblau, wenn die Sonne scheint, und wenn nicht ein faszinierendes Happening, veranstaltet von Licht, Wind und Wolken. Ein paar Fußminuten in Gegenrichtung liegt das Achterwasser.

Dazwischen erstreckt sich Usedoms schmalster Landstreifen. Ein Naturparadies, das irgendwann, doziere ich beim Spaziergang, vom Untergang infolge Klimawandels bedroht sein könnte. Allzu bedrohlich findet das unser Elfjähriger nicht. Das mit dem Klimawandel sei „eine blöde Sache“, ängstigt ihn aber nicht wirklich. Er vertraue da voll auf Forschung und Technik, die „einen Ausweg finden werden“.

Immerhin, 2017 riss schon mal das Sturmtief „Axel“ in Zempin 180 Meter Strand samt Steilufer in die Tiefe, so hoch schlugen die Wellen an die Küste, setze ich meine Schilderungen fort, um das Umweltbewusstsein der Kinder zu schärfen. Bis zum Ende dieses Jahrhunderts, heißt es in Expertisen, könnte der Meeresspiegel der Ostsee um bis einen Meter steigen. Land unter würde das nicht nur für ein paar Küstendörfer bedeuten. Auch Teile von Rostock, Stralsund und Greifswald könnten in den Fluten versinken. „Wie Atlantis“, kräht die Sechsjährige, der „Erwachsenengespräche“ schnell auf den Geist gehen. „Aber das ist ein Märchen!“

Vermutlich denken nicht wenige Bewohner Usedoms ähnlich, überlege ich im Stillen. Sonst wäre die Insel wohl kaum eine Hochburg der AfD, die lieber den Diesel retten will als das Klima. Das, heißt es in ihrem Grundsatzprogramm, wandele sich schließlich, „solange die Erde existiert“. Immer schon gegeben hat es zwar auch Flüchtlinge und Migranten, ein Thema, bei dem Rechtspopulisten sehr schnell über Dämme, Zäune und Gefahrenabwehr fabulieren. Wobei Usedom bei der Aufnahme Geflüchteter lange Zeit eh außen vor blieb, um – klingt paradox – dem Fremdenverkehr zum Aufschwung zu verhelfen.

Und so fühlen wir uns ein wenig wie Ausländer in diesem Landstrich, wo schon ein schwarzgelocktes Kind bisweilen scheel gemustert wird. Aber was wissen wir, was in einheimischen Sturköppen vor sich geht. Man möchte sich keinen Inselkoller einreden. Die Leute sind nett mit uns und das Leben ist unbeschwert. Alles andere lassen wir für heute mal hinterm Horizont. Berlin geht früh genug weiter. Ist schließlich Urlaub hier.

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