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Jeder nur ein Kreuz. Oder doch nicht jeder, sondern nur jeder, der vorher auch gebüffelt hat?

Wahlrecht

Sollen nur noch Schlaue wählen?

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Eine neue Idee macht die Runde: In Zukunft dürfen die Doofen einfach nicht mehr wählen. Politologen schlagen stattdessen vor, dem Urnengang Wissenstests vorzuschalten. Und wer entscheidet, was da abgefragt wird? Eine Kolumne.

Es gibt große Teile des Volkes, die sind nicht besonders informiert. Sie sind dumm, wenn ich das mal so zusammenfassen darf.

Falls diese Worte jemanden verletzen: Ich war das nicht. So redete neulich der berühmte Politologe Herfried Münkler ins Radio hinein. Allerdings sind sie auch mir nicht fremd, Momente schwindenden Vertrauens in die kollektive Weisheit des Volkes. Dann übermannt mich die Idee, allen Idioten als aufgeklärter, gütiger sowie – in Fällen grober Insubordination – strenger und strafender Diktator zu dienen. Nur, mein Projekt kommt nicht recht voran. Ich bin zu sensibel und finde niemanden, der Dumme beziehungsweise Andersdenkende für mich umerziehen will.

Bisher behielt ich den dunklen Drang für mich. So wie weiland Adenauer, der seine geliebte Bevölkerung auch nur im kleinsten Kreis für „strohdumm“ erklärte. Doch nun kann man endlich offen reden. Jason Brennan macht es ja auch.

Doofe wählen nunmal doof, behauptet Jason Brennan

Der Philosoph von der Washingtoner Georgetown University hat gerade ein Buch „Gegen Demokratie“ geschrieben. In einem „Spiegel“-Interview begründet er, warum er allen nicht besonders informierten Bürgern das Wahlrecht entziehen will: Doofe wählten nun mal doof. Ein Stimmverlust würde ihnen sogar helfen, „weil sie im Moment so wählen, dass sie sich selbst ins Knie schießen. Sie entscheiden gegen ihre Interessen.“

Ich wusste es. Erich Honecker hat es immer gesagt: Die vom Kapitalismus unterdrückten und manipulierten Werktätigen erkennen ihre wahren Interessen nicht. Nur deshalb wählten sie Helmut Kohl, Theo Waigel und samstags den Blauen Bock. In der DDR dagegen konnte sich jeder einmütig für die historische Mission der Arbeiterklasse entscheiden und ein machtvolles Bekenntnis zu den Kandidaten der Nationalen Front ablegen. Die wiederum wussten, was gut und wahr war. Sie kannten die Grundlagen und Verästelungen des wissenschaftlichen Kommunismus. Jede Alternative wäre gefährlich gewesen. Die arglose Zivilbevölkerung hätte so erst die Möglichkeit bekommen, sich schrecklich zu irren.

Man könnte auch Personen auslosen

Professor Brennan schlägt vor, dass Bürger sich per Wissenstest – üben! üben! üben! – für einen Urnengang qualifizieren müssen. Man könnte auch Personen auslosen, die stellvertretend für die Gesamtbevölkerung votieren. Zuvor müssten die Glücklichen „ihre Kompetenz schulen, diskutieren oder Informationsmaterial lesen“. Gewiss findet sich alsbald jemand, der diese Informationen verfasst und entscheidet, wer wann kompetent genug ist und eine korrekte Vollwertmeinung hat. „Herrschen sollen nicht Experten, sondern soll das Volk, nur eben nicht das ganze, sondern die bestinformierten 25 Prozent“, sagt Brennan.

Die Bestwisser kämen dann automatisch zu Picobello-Wahlergebnissen: für Freihandel, Einwanderung, Steuererhöhungen, Schwulenrechte, gegen Brexit, Trump, Klimawandel und Militäreinsätze. Grandios, oder? „Und sie achten auf die Bürgerrechte.“ – Auf die Bürgerrechte der frisch entmündigten Mehrheit. Das ganze Konzept ist toll, aber dieser Gedanke gefällt mir am besten.

Erwähnte ich schon, dass ich einwandfrei informiert und jederzeit bereit bin, die Kontrolle über etwa 82 Millionen Mitbürger zu übernehmen?

André Mielke ist Autor.

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