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Nazis raus - aber wohin? Vermummte Anhänger der NPD schwenken Fahnen während einer Demonstration in Augsburg.

#NazisRaus

Wo sollen sie denn hin, die Nazis?

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Nichts ist falsch daran, sich die Nazis physisch weg zu wünschen, da nur die Geisteshaltung gemeint sein kann. Deshalb funktioniert der Hashtag #NazisRaus. Die Kolumne in der FR.

Die Aufregung in den sozialen Netzwerken war kaum zu toppen, als die Korrespondentin des ZDF-Hauptstadtstudios, Nicole Diekmann, den Hashtag „NazisRaus“ auf Twitter absetzte. Alle Grünen-Wähler auf Nachfrage ironisch als „Nicht-Nazis“ auszudeuten, brachte ihr schließlich den fulminanten Shitstorm ein. Sie hätte ahnen können, dass die deutsche Seele keinen Spaß versteht, wenn es um den Nazi geht, zumal dem ein oder der anderen so manche Ausgestaltung des Nationalsozialismus gar nicht so wesensfremd ist.

Völlig ironiebefreit vermutet beispielsweise das Onlinemedium für rechte Gegenöffentlichkeit „journalistenwatch“ gar im Falle Diekmann Volksverhetzung, die „juristisch verfolgt werden müsse“. Verständlich, kommt doch die Hetze aus Rechtsaußenperspektive zwangsläufig von links, denn ohne ein diesbezüglich anerzogenes Deutungsdefizit verliert die rechte Opfererzählung ihre tragende Säule.

Springer fürchtet Vertreibung, wenn man „Nazis raus“ sagt

Im konservativen Springer-Blatt „Die Welt“ verfolgt der Theologe Richard Schröder einen ähnlichen Pfad: „Nazis raus“ und „Ausländer raus“ verstünden sich möglicherweise als Gegensatz, stimmten aber „darin überein, dass jedenfalls jemand ‚raus‘ soll“. Und das sei „Aufforderung zum Verfassungsbruch“.

Das ist schon eine beeindruckende Ignoranz gegenüber einer politischen Parole, die in ihrer Funktion nichts anderes will, als den rassistisch-nationalistischen Lautbläsern zu demonstrieren, wo man sie hin wünschte – was natürlich nicht im Abschiebemodus gedacht ist. Müssten deutsche Nazis ihr Zwangsunwesen im Ausland treiben, würde dafür doch niemand die Verantwortung übernehmen wollen. Entsprechend wird bei „Nazis raus“ der Nationalsozialismus, der „raus den Köpfen“ soll, mitgedacht. Im Gegensatz zu „Ausländer raus“, die eben im Wortsinne weg sollen, weshalb nicht wenige potentiell um sein/ihr Leben fürchten, und das ist nun kein Alleinstellungsmerkmal von 1933-45.

Eine wissenschaftliche Differenzierung der rechtsextremen Schattierungen in braun ist an dieser Stelle politischen Handelns gar nicht notwendig. „Nazi“ meint gemeinhin diejenigen, die aus einem völkischen Nationalismus heraus die einen einfangen und die anderen ausgrenzen, um eine kulturelle Reinheit als erstrebenswert zu postulieren.

Der Gegenpol heißt Antifaschismus

Wenn hier ein Gegenpol existiert, ist es traditionell der Antifaschismus. Der muss sich nicht dafür interessieren, ob er es mit Rechtsextremen oder mit „besorgten Bürgern“ zu tun hat, solange sie dieselbe Sprache sprechen und unter demselben Label laufen. Wer im Geschichtsunterricht aufgepasst hat, wird wissen, dass demokratische Wahlen nicht zwingend demokratische Parteien zur Folge haben. Es sei an Björn Höcke erinnert, der 2017 in seiner Dresdener Rede von „der 1945 begonnenen Umerziehung“ sprach und damit das Ereignis indirekt betrauerte, das Demokraten die Befreiung von den Nazis feiern. Der will übrigens in Thüringen Ministerpräsident werden.

Nichts ist falsch an „Nazis raus“, nie war es etwas anderes als ein Slogan, der sich die extreme Rechte natürlich physisch weg wünscht, aber nur ihre Geisteshaltung meinen kann.

Lauschen wir doch einfach der aufklärenden Hamburger Punkband „Die Goldenen Zitronen“, die bereits 2001 wusste: „Was solln die Nazis raus aus Dütschland? Was hätte das für ein Sinn? Die Nazis können doch net naus, denn hier jehörn se hin.“ Solange der Nationalsozialismus in den Köpfen ist.

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