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Solidarität mit den Opfern von Gewalt

Frauen und Mädchen, die in ihrer Heimat Opfer von Gewalt werden, sollen in Deutschland Schutz finden, sagt SPD-Generalsekretärin Yasmin Fahimi in ihrem Gastbeitrag für die Frankfurter Rundschau.

Von Yasmin Fahimi

Hunderttausende fliehen vor Krieg und Gewalt, Armut und Hunger. Viele suchen Schutz auch bei uns in Deutschland. Darunter etwa ein Drittel Frauen und Mädchen. Sie brauchen unsere Hilfe: sofort, unmittelbar und ohne Zögern. Frauen, die allein auf der Flucht sind, minderjährige Mädchen ohne Begleitung, Mütter mit Säuglingen, mit kleinen Kindern, alte Frauen. Sie begeben sich auf einen zum Teil lebensgefährlichen Weg. Ein nicht lebensbedrohlicher und zugleich legaler Weg für Frauen und Kinder nach Deutschland zu kommen ist der Familiennachzug. Wer diese Möglichkeiten weiter einschränkt, zwingt immer mehr Frauen und Kinder in Schlauchboote über das Mittelmeer und nimmt in Kauf, dass sie auf der Flucht in akute Lebensgefahr geraten.

Am heutigen Internationalen Tag für die Beseitigung von Gewalt gegen Frauen gilt unsere Solidarität den Frauen und Mädchen, die in ihren Heimatregionen Opfer von Gewalt, von Vergewaltigung, auch als Kriegswaffe, wurden. Sie wurden benachteiligt, nur weil sie Frauen sind, sie wurden unterdrückt. Sie sind traumatisiert, können häufig über erlittenes Leid nicht sprechen. Man muss sich nur die Bilder ansehen, die Kinder malen, die hier ankommen, um hautnah zu spüren, was die Menschen in den Krisengebieten tagtäglich erleben.

Wir heißen sie willkommen, geben ihnen ein Dach über dem Kopf und erste gesundheitliche Versorgung. Sie brauchen aber auch eine Perspektive, eine Zukunft. Egal ob sie Analphabetin sind oder Akademikerin, ob sie alt sind oder jung. Wir wollen den geflüchteten Frauen kein Lebensmodell vorschreiben. Wir bieten ihnen aber eine freie und offene Gesellschaft an.

Gesellschaftliche Teilhabe als Versicherung

Wir dürfen nicht zulassen, dass diese Frauen und Mädchen wegen mangelnder wirtschaftlicher Teilhabe an den Rand unserer Gesellschaft gedrängt werden. Gesellschaftliche Teilhabe ist die beste Versicherung für ein freies und selbstbestimmtes Leben. Der Leidensweg, den viele dieser Frauen hinter sich haben, ist Mahnung und Auftrag an uns als Mehrheitsgesellschaft. Ihr Wille zur Integration und ihre Leistungsbereitschaft sind unsere Chance.

Der Schatz, den wir anzubieten haben, ist nicht nur ein wirtschaftlich starkes Land und ein stabiler Arbeitsmarkt, sondern vor allem unsere offene, tolerante und aufgeklärte Gesellschaft. Geflüchtete Mädchen und Frauen erhalten von uns nicht nur Obdach und Schutz, sie erhalten die Rechte einer Bürgerin unseres Landes. Sie haben das Recht, bei uns zur Schule zu gehen, eine Ausbildung zu machen, zu studieren, einen Beruf zu ergreifen. Wir müssen ihnen klar machen: Hier haben sie das Recht auf ein eigenes Leben, nach ihren Vorstellungen. Sie haben das Recht auf Mobilität. Es klingt banal, aber sie haben bei uns das Recht Fahrrad zu fahren oder einen Führerschein zu machen. Das ist ihre Chance. Das ist unsere Chance.

Lesen Sie bitte weiter auf der nächsten Seite.

Männer und Frauen sind gleichberechtigt. Dieser Satz aus dem Grundgesetz klingt für uns selbstverständlich. Doch viele Frauen, die zu uns geflüchtet sind, haben anderes erlebt und erleiden müssen. Frauen und Kinder brauchen daher bei uns besondere Hilfs- und Therapieangebote, qualifizierte TherapeutInnen und SozialarbeiterInnen, empathische DolmetscherInnen. Nur so können die Mütter auch ihren Kindern dabei eine Hilfe sein, sich in der neuen Lebenssituation zurechtzufinden. Unsere Gesellschaft muss alles tun, damit die geflüchteten Frauen und ihre Kinder nicht zu einer verlorenen Generation im doppelten Sinne werden.

Unsere Werte und Freiheiten gegen verkrustete Strukturen aus den Heimatländern durchzusetzen, ist teilweise auch eine Herausforderung für die von Gewalt und Unterdrückung betroffenen Frauen und Mädchen, für uns alle. Für viele Frauen mögen ihre Rechte selbstverständlich sein. Andere müssen wir bestärken und befähigen, diese Rechte zu nutzen, selbstbestimmte Entscheidungen zu treffen und überkommene Machtverhältnisse in Frage zu stellen.

Wo es Probleme gibt auf Grund ethnischer Unterschiede oder kultureller Missverständnisse, können Kulturdolmetscher hilfreich sein. Die heute bei uns lebenden Kinder und Enkelkinder der ersten Gastarbeitergeneration können solche Mittler sein. Initiativen wie die Berliner „Stadtteilmütter“ im Rahmen des Projektes „Soziale Stadt“ leisten hervorragende Integrationsarbeit und schaffen gleichzeitig Arbeitsplätze für Frauen.

Flüchtlinge willkommen heißen

Reichen wir den geflüchteten Frauen und ihren Familien die Hand! Heißen wir sie nicht nur einfach willkommen, sondern geben wir ihnen die Möglichkeit, in Deutschland anzukommen, sich zu integrieren und die Chancen unserer freiheitlichen Gesellschaft zu ergreifen. Integration bedeutet umfassende gesellschaftliche, wirtschaftliche und kulturelle Teilhabe. Für alle, unabhängig von Geschlecht oder sexueller Identität, unabhängig vom Partner, von Eltern oder Geschwistern. Damit wir in zehn Jahren sagen können, dass unser Land vielfältiger geworden ist, sozialer und freier als zuvor. Denn genau das ist die Chance, die in dieser Herausforderung steckt. Wir müssen es nur richtig machen. Wir brauchen ein Jahrzehnt der Integration und Investition für alle.

Wir müssen die Leistungsbereitschaft und die Offenheit, die die Flüchtlinge mitbringen, nutzen, um ihnen die Chancen unserer liberalen Gesellschaft aufzuzeigen. Das erfordert auch unsererseits eine gesellschaftliche Anstrengung, die wir bei den Frauen der Gastarbeitergeneration versäumt haben. Diesen Fehler sollten wir nicht wiederholen.

Yasmin Fahimi ist SPD-Generalsekretärin

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