Flüchtlinge kämpfen sich durch Schneematsch Richtung Deutschland.
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Flüchtlinge kämpfen sich durch Schneematsch Richtung Deutschland.

Solidarität

Das Jahrzehnt der Flucht: Dem Hass mit Fakten begegnen

  • vonPeter Ruhenstroth-Bauer
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Die Zahl der Flüchtlinge ist weltweit stark angestiegen. Die Botschaft am Ende des Jahrzehnts: Wir können dem Hass mit Fakten und Humanität begegnen. Der Gastbeitrag.

In der Rückschau auf das letzte Jahrzehnt stehen insbesondere die digitalen Veränderungen im Mittelpunkt: Wir streamen, wir whatsappen, wir schicken Emojis, wir reden mit Maschinen, lassen Drohnen fliegen und zahlen mit Bitcoins. Das Digitale lässt einen ganz anderen, weltweiten Trend in den Hintergrund treten, der die letzten zehn Jahre entscheidend verändert hat: Die Zahl der Flüchtlinge weltweit hat sich im letzten Jahrzehnt um mehr als 50 Prozent erhöht. Waren es 2009 noch knapp über 43 Millionen Menschen, so sind es jetzt mehr als 70,8 Millionen.

Hauptursache für den Anstieg der Flüchtlingszahlen ist die Kombination aus Langzeitkonflikten mit großen Fluchtbewegungen wie etwa in Syrien, Afghanistan oder Südsudan und neueren Krisen wie in Venezuela oder Myanmar. So zwangen 2011 drei Bürgerkriege Menschen zur Flucht – in Syrien, Libyen und Somalia, wo auch eine verheerende Hungersnot dazukam.

Zwei Jahre später folgten Konflikte im Südsudan und im Jemen. 2017 verschärften sich die Unruhen in Venezuela und führten zu einer der größten Flucht- und Migrationsbewegung in der Geschichte Südamerikas. Im gleichen Jahr löste das Flüchtlingscamp in Kutupalung, Bangladesch, das Camp im kenianischen Dadaab als größtes der Welt ab. Hunderttausende Rohingya mussten aus dem Nachbarland Myanmar fliehen.

Flüchtlinge: Klimawandel bringt Fluchtbewegungen auf Rekordkurs

Auch die Folgen des Klimawandels treiben die Fluchtbewegungen auf Rekordkurs: Extremwetterereignisse verschärfen Krisen, wie in Afrika zu sehen, wo eine Rekorddürre im südlichen und Überschwemmungen in Ost-Afrika die Menschen belasten. Wir erleben in Ländern wie Somalia eine fatale Wechselwirkung von bewaffneten Konflikten und den Auswirkungen der Klimakrise. Immer mehr Menschen kämpfen in der Folge um immer weniger Ressourcen. Ein Trend, der die ganze Welt betrifft.

Es war also ein extremes Jahrzehnt, die Krisen komplex. Ein politischer Trend passt daher nicht: Der Nationalismus ist für diese Herausforderungen ebenso die falsche Antwort wie Grenzen und Zäune. Es geht vielmehr nur über internationale Zusammenarbeit und unsere Solidarität als Zivilgesellschaft mit den Menschen auf der Flucht.

Das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen (UNHCR) ist bei allen genannten Krisen vor Ort, um Flüchtlingen zu helfen: Neben Nothilfeeinsätzen, wie der akuten Trinkwasser- und medizinischen Versorgung, geht es auch um die Registrierung von Flüchtlingen. So bekommen sie Zugang zu Lebensmitteln und Gesundheitsversorgung, Bildung und Arbeit und damit erhalten sie auch eine Perspektive. Die UN-Flüchtlingshilfe unterstützt diese Arbeit als deutscher Partner des UNHCR, seit nunmehr 40 Jahren.

91 Prozent aller Flüchtlinge leben außerhalb der EU

2015 war für Deutschland ein Rekordjahr: Rund 890.000 Asylsuchende kamen nach Deutschland. In der Folge ging der Trend hin zu emotionaleren Debatten, teils verbittert und menschenverachtend geführt – während gleichzeitig die die Zahl der Asylsuchenden kontinuierlich sank.

Gefühlte Wahrheiten wurden und werden über Fakten gestellt. Ängste werden mit Unwahrheiten geschürt, wonach Flüchtlinge Deutschland überrennen. Tatsache ist: 91 Prozent aller Flüchtlinge leben außerhalb der EU, vier von fünf Geflüchteten in den Nachbarländern ihrer Heimat.

Viele Menschen stellen sich der Hetze nicht nur mit Fakten entgegen, sondern auch mit Engagement in den vielen Projekten in ganz Deutschland. Die Willkommenskultur ist aus den Schlagzeilen verschwunden, lebt aber in diesen Projekten weiter.

Flüchtlinge: 15.000 Menschen im Mittelmeer gestorben oder verschollen

Auch beim Thema Seenotrettung ging es emotional zu. Zu Recht, denn es geht um Menschenleben. Es darf aber keine Debatte darüber geben, ob sie notwendig ist. Wer die Lebensrettung auf hoher See kriminalisiert, vergeht sich an Werten wie Humanität und Menschlichkeit. In den vergangenen fünf Jahren sind nach Schätzungen etwa 15.000 Menschen bei der Überfahrt über das Mittelmeer gestorben oder verschollen. Ein Trend, der uns alle erschüttern muss.

Flucht und Vertreibung an sich sind kein Trend, sondern vielmehr Teil der Menschheitsgeschichte. Flucht und Vertreibung gibt es zudem auf jedem Kontinent, aber eben auch Hilfsbereitschaft und Solidarität. Die Botschaft lautet am Ende des Jahrzehnts: Wir können nicht nur streamen, Emojis schicken oder whatsappen, wir können auch den Unterschied ausmachen.

Wir können in Diskussionen mit Fakten und Humanität gegenhalten, uns ehrenamtlich in Projekten engagieren und Menschen auf der Flucht unterstützen. Das Flüchtlingsforum des UNHCR Mitte Dezember in Genf hat gezeigt, dass gerade die Bundesregierung als zweitgrößter Unterstützer sowie private Geber über die UN-Flüchtlingshilfe eine sehr wichtige Hilfe leisten.

Peter Ruhenstroth-Bauer ist Geschäftsführer der UN-Flüchtlingshilfe, dem deutschen Partner des Flüchtlingshilfswerks.

2019 ist die Zahl der Flüchtlinge in Hessen deutlich gesunken. Knapp 100 Schutzsuchende kommen weniger pro Monat - die meisten aber aus der Türkei.

Die aus Myanmar geflohenen Rohingya in Bangladesch genießen so gut wie keinen Schutz vor dem Coronavirus. Wenn nicht bald etwas geschieht, wird das furchtbare Folgen haben.

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