Kolumne

Solidarität mit Brandenburg

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Die Hauptstädter müssen ihrem großen Nachbarn helfen, damit das Land bei der Wahl nicht den rechten Hetzern der AfD in die Hände fällt.

Sie werden es mitbekommen haben, in Brandenburg stehen Landtagswahlen an. Ich wohne nur zehn Kilometer von der Stadtgrenze entfernt, und trotzdem ist die Wahrscheinlichkeit höher, dass jemand mit mir über die Proteste in Hongkong sprechen möchte als über die Wahlen im Nachbarland.

So gerne ich Berliner auch vor allen Vorurteilen in Schutz nehme, unsere Ignoranz gegenüber Brandenburg kann ich kaum bestreiten. Wir kennen das Land von Tagesausflügen, bei denen wir die schöne Natur loben und über das schlechte Essen lästern. Die Funklöcher zwingen uns ja den ganzen Ausflug über zur analogen Kommunikation, also reden wir über gute Wellnesshotels, wer hier ein Wochenendhäuschen hat und dass man mal ironisch nach Tropical Islands möchte. So, als wäre Brandenburg nur für unsere Vergnügungszwecke da.

Wie viele von uns kannten vor dem Wahlkampf auf Anhieb den Namen des Brandenburger Ministerpräsidenten? Oder könnten mehr als drei Regionen auf der Karte benennen? Ich glaube noch nicht mal, dass es unbedingt despektierlich gemeint ist. Wer denkt, dass Städter alle auf Landeier herabblicken, vergisst, dass viele Städter früher selbst mal Landeier waren. Die Grenzen sind ja durchlässig. Es ist gefühlt einfach nur sehr viel weiter weg als zehn Kilometer. Berlin ist so voll, fordernd und, ja, auch sehr selbstreferenziell.

Auf unseren Tagesausflügen sehen wir aber derzeit nicht nur Alleebäume, sondern auch AfD-Wahlplakate, die noch gruseliger sind als das Brandenburger Essen. „Hol dir dein Land zurück“, rufen sie einem zu, als seien sie Werbung für ein gewaltverherrlichendes Videospiel.

Das AfD-Wahlprogramm nimmt sich Preußen als Vorbild und verspricht Gutes für alle außer für Asylsuchende, Wölfe, Frauen, die gerne über ihren Körper selbst bestimmen oder das Klima. Der Brandenburger Landesverband gilt mit seiner Nähe zur „Identitären Bewegung“ sogar für AfD-Verhältnisse als radikal. Wenn wir Brandenburg also jetzt mal die ihm gebührende Aufmerksamkeit schenken, ergeben sich für mich zwei Schlüsse aus den Wahlprognosen: Zum einen besteht die Mehrheit aus demokratisch wählenden Menschen, auf denen unser Hauptaugenmerk liegen sollte und mit denen wir uns über Infrastruktur und Nahverkehr einigen müssen.

Ich sehe aber auch einen erschreckend großen Teil an Menschen, die eine rechtsradikale Partei wählen und die genauso ernst zu nehmen sind. Brandenburger AfD-Wähler sind eben auch keine verführten Hinterwäldler, die nicht wissen, was sie tun. Eine Partei zu wählen, deren Spitzenkandidat mit mehr rechtsextremen Vereinigungen verbunden war als ich offene Punkte auf der To-do-Liste habe, ist eine bewusste Kampfansage an eine demokratische, offene Gesellschaft.

Wer das als Provinzposse herunterspielt, entsolidarisiert sich mit vielen Berlinerinnen und Berlinern, die sich aufgrund ihrer Hautfarbe nicht mehr nach Brandenburg trauen. Und er entsolidarisiert sich ebenso mit unseren Nachbarn, die gerne weiterhin in einem schönen Bundesland leben möchten, das seine politischen Visionen nicht von einem militarisierten Königreich bezieht.

Preußen wurde ja bekanntermaßen aufgelöst, vielleicht können wir also länderübergreifend der AfD dabei helfen, ihrem großen Vorbild nachzueifern.

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