Antisemitismus und Rassismus

Wir sind nicht in einem Religionskrieg, sondern im Kampf gegen Unrecht

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Rassismus und Antisemitismus haben wir zu lange nicht bemerkt. Oder wollten es nicht. Das muss sich ändern. Die Kolumne.

Eigentlich ist Solidarität eine wichtige Sache. Solidarität bedeutet Zusammenhalt, Vertrauen und bisweilen auch Toleranz. Sie bildet den Grundpfeiler eines jeglichen Miteinanders, sei es in einer Freundschaft, einer Beziehung, einer Gesellschaft und erst recht einer Demokratie.

Und manchmal muss man sich gegenseitig ihrer vergewissern, besonders in Zeiten wie diesen. Gerade ist es sehr wichtig, Solidarität mit Menschen jüdischen Glaubens zu beweisen. Nicht erst seit dem Attentat in Halle, aber jetzt erst recht. Doch wie?

Präsenz zeigen gegen Rechts ist dringlicher denn je. Eines aber möchte ich klarstellen: Ich bin bereit, alles gegen diesen aufbrandenden Antisemitismus zu tun, und koste es mich Leib und Leben. Aber ich werde mir außerhalb von Synagogen keine Kippa auf den Kopf setzen.

Ich fände dies anmaßend, denn sie ist Ausdruck einer Geisteshaltung, die zu teilen mir nicht zusteht, die ich aber auch nicht teile. Ich würde aus Solidarität mit verfolgten Menschen auch keine Rosenkränze gutheißen, gekreuzigte Holzfiguren, Burkas und alle anderen Symbole irgendeines Glaubens an irgendeinen Gott. Bei aller Bürde, die wir Deutsche auf uns geladen haben: Niemand ist nur wegen seines Glaubens automatisch ein besserer Mensch. Ich kenne sogar jede Menge jüdischer Flachpfeifen – aber auch katholische, evangelische, muslimische, sonstwiegläubige oder atheistische.

Umgekehrt kenne ich viele großartige Menschen, die in diverseste Religionen geboren wurden. Ich schätze sie, weil sie einen wertvollen Charakter haben, unabhängig davon, ob sie an einen Gott glauben, und wenn ja, an welchen. Oder ob sie manchmal erst nach Sonnenuntergang etwas essen, freitags kein Fleisch oder nichts Fleischliches mit Milchigem. Ich finde das halt absurd – doch so lange sie mich wann, wie und womit mein Schnitzel essen lassen, ist mir das wurscht. Jeder hat seine Macken, denke ich mir dann. Ich habe schließlich auch jede Menge.

Aber ich will und kann nun plötzlich trotz der entsetzlichen Entwicklung in unserem Land keine Religion herausnehmen und feiern, denn ich mache sie alle für vieles Unheil dieser Welt verantwortlich. Im übrigen birgt ausnahmslos jede eine große Portion Intoleranz gegenüber Andersgläubigen.

Ich habe einen einzigen Anlass für meine uneingeschränkte Solidarität: Wenn Menschen verfolgt werden, weil sie vermeintlich anders sind. Denn alle sind gleich – doch diese Selbstverständlichkeit ist in großer Gefahr.

Aber wir sind nicht in einem Religionskrieg, sondern im Kampf gegen Unrecht. Da ist Haltung gefragt. Etwa wenn jemand im Fußballstadion „Jude“ brüllt. Wenn die AfD gegen Ausländer hetzt. Wenn ein Taxifahrer seine Kollegen als Kameltreiber bezeichnet.

Wenn in der Bahn zuerst Dunkelhäutige kontrolliert werden. Wenn Politik, Polizei und Justiz den Ernst der Lage immer noch nicht begreifen wollen. Und wenn die „Bild“-Zeitung nahezu täglich Fremdenhass schürt und nun in großen Lettern verlogen anprangert, dass Juden angegriffen werden.

Rassismus und Antisemitismus äußern sich nicht nur durch Attentate und nicht erst seit Halle. Wir haben das nur nicht bemerkt. Oder wollten es nicht. Da tut’s nun keine Kopfbedeckung. Da helfen nur Taten – im Großen wie im Kleinen.

Michael Herl ist Autor und Theatermacher.

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