Pro Widerspruchslösung

Solidarisch

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Jedem und jeder kann zugemutet werden, sich mit einer Organspende nach dem Tod zu befassen – denn alle haben im Notfall die Chance auf ein lebensrettendes Spenderorgan.

Neun von zehn Bürgern können sich laut Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung vorstellen, im Notfall ein Spenderorgan anzunehmen. Das ist auch unser gutes Recht: als Kranke die bestmögliche Behandlung zu bekommen – und das kann eben eine Organtransplantation sein. Wunderbarerweise sehen denn auch 84 Prozent eine Organspende nach ihrem Tod positiv.

Der Wille ist also da, beizutragen zu einem System, das auch mir selbst zugutekommen kann. Dass dieser Wille bis heute nicht in wirksames, Leben rettendes Recht gegossen wurde, ist ein katastrophales Politikversagen. Die Folge: 1000 Tote jährlich, die vergeblich auf ein Organ gewartet haben (laut Experten sind es wahrscheinlich sogar viel mehr, denn viele Menschen werden gar nicht mehr gelistet, weil sie die lange Wartezeit nicht überleben würden); viele zehntausend Schwerstkranke bleiben ohne optimale Therapie; und noch mehr Eltern, Kinder, Partner leiden teils jahrelang mit den Angehörigen mit.

Deshalb ist die Widerspruchslösung überfällig. Die beschlossenen Strukturreformen in den Kliniken werden die Spenderzahlen etwas verbessern, aber die Erfahrungen fast aller anderen Länder zeigen, dass die Widerspruchslösung hinzukommen muss, um wirklich heilsame Effekte zu erzielen. Das hat mit Nützlichkeitsdenken nichts zu tun und übergeht auch nicht das Selbstbestimmungsrecht des Einzelnen.

Denn es geht um ein System gegenseitiger Solidarität: Jedem und jeder kann zugemutet werden, sich mit einer Organspende nach dem Tod zu befassen – denn alle haben im Notfall die Chance auf ein lebensrettendes Spenderorgan. Die Widerspruchslösung ist sogar das humanere Modell, sie garantiert denen, die sich einer postmortalen Spende verweigern, die gleichen (dann verbesserten) Chancen auf eine Transplantation wie Spendewilligen. Und Letztere können, anders als derzeit, sicher sein, dass ihr Wille im Fall ihres Hirntods nicht verloren geht.

Es ist bezeichnend, wie wenig dieser Aspekt der wechselseitigen Solidarität in der aktuell hitzigen Debatte zum Zuge kommt, wie verbissen manche Kolumnisten und Politiker – wenn auch teils in guter Absicht – allein die Perspektive potenzieller Spender einnehmen. Bei den Kritikern der Widerspruchslösung dominiert die Rhetorik des selbstbezogenen Gesunden, die eines unterschlägt: Es ist nachweislich viel wahrscheinlicher, dass ich oder ein mir naher Mensch einmal ein Spenderorgan brauchen, als dass wir zu postmortalen Organspendern werden. Denn der Hirntod ist sehr viel seltenerer als etwa Nierenversagen, Herzmuskelentzündungen und die wachsende Zahl teils organzerstörender Autoimmunerkrankungen. Wer dann noch, gegen alles seriöse medizinische Wissen, diffuse Zweifel sät, dass der hirntote Mensch wirklich tot sei, der muss so ehrlich sein, ein Verbot von Organspenden Hirntoter überhaupt zu fordern.

Die Widerspruchslösung ist kein Vehikel, mit dem sich der Staat Organe erschleichen will. Vielmehr verpflichtet sie ihn zu einer bisher nicht dagewesenen Aufklärungsanstrengung. Die etwa 70 Millionen von der Reform Betroffenen sollen drei Mal angeschrieben und die Bevölkerung ferner immer wieder auf unzähligen weiteren Wegen informiert werden. Ärzteschaft, Bildungs- und andere Institutionen sowie wir alle, die das Thema bewegt, werden mitziehen. Und wenn der Entwurf von Spahn/Lauterbach kommt, wird auch künftig kein Organ gegen den Willen der Angehörigen entnommen werden.

Die Widerspruchslösung wird nicht alle Kranken retten können – aber deutlich mehr als das jetzige Recht. Denn in ihr liegt vor allem eine große Chance: dass Organspende demnächst in aller Munde ist, als willkommenes Netz für jede und jeden.

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