Klimafreundliches Wohnen

Solaranlagen auf alle neuen Gebäude

  • vonChris Kühn
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  • Daniela Wagner
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Damit Wohnen in Städten bezahlbar und klimaverträglich wird, müssen Kommunen stärker steuernd eingreifen können. Der Gastbeitrag.

In Deutschland leben 2020 mehr als 75 Prozent der Menschen in Städten. Und diese Städte stehen unter Druck. Auf engstem Raum sind hier Bevölkerung, Bauwerke und Stadtnatur vielfältig miteinander verwoben und aufeinander bezogen. Hier stellen sich die drängenden Fragen von bezahlbarem Wohnraum, Klimakrise und sozialem Miteinander täglich konkret.

Um diese großen Herausforderungen zu meistern, müssen wir die Städte stärken. Nur so entfalten sie die in ihnen liegende transformative Kraft. Die Klimaziele von Paris und die Nachhaltigkeitsziele der Vereinten Nationen werden wir nur mit starken Städten erreichen. Das Baurecht muss jetzt neu ausgestaltet und auf die Zukunftsherausforderungen der Städte hin angepasst werden.

Die jetzt und in Zukunft noch öfter auftretenden Extremwetterereignisse wie Hitzewellen, Trockenperioden und Starkregen stellen unsere Städte vor besondere Probleme. Hier gilt es umzusteuern. Wir machen uns daher für mehr Stadtgrün, wie Grünflächen und Gründächer, stark. Sie wirken mit Wasserflächen und Frischluftschneisen wie große Klimaanlagen. Zugleich fungieren sie bei Starkregenereignissen wie ein Schwamm für die Wassermassen. Bei der Novelle des Baugesetzbuches muss die Grünflächenversorgung bei der Aufstellung von Bauleitplänen und der Planung von Freiräumen stärker berücksichtigt werden.

Für den Klimaschutz brauchen wir die urbane Energiewende. Wir wollen, dass jedes neue Gebäude mit Solaranlagen ausgestattet wird. Immer noch sind zu viele Dachflächen ungenutzt. Wir stärken die Quartiere, indem wir erlauben, auch PV-Anlagen angrenzender Gebäude zur Versorgung mit Mieterstrom zu nutzen. Mit unserem Konzept der „Fairen Wärme“ schnüren wir ein Wärme- und Strompaket von sieben Milliarden Euro jährlich. Stadtquartiere werden so zum wichtigen Baustein im Kampf gegen die Klimakrise.

Die Suche nach günstigem Wohnraum treibt viele Städter um. Es ist die soziale Frage unserer Zeit mit dem Potenzial, gesellschaftliche Gräben zu verbreitern. Gleichzeitig werden Baugenehmigungen für 600 000 Wohnungen nicht genutzt und Bauland so künstlich verknappt. Laut einer Studie des Bundesinstituts für Bau-, Stadt- und Raumforschung besteht in unseren Städten ein Potenzial an bebaubaren Baulücken und Brachflächen von bis zu 165 000 Hektar. Diese müssen wir aktivieren, um mehr Menschen ein bezahlbares Zuhause zu ermöglichen.

Kommunen müssen vor Ort leichter steuernd eingreifen und selbst bestimmen können, was wo gebaut wird. Denn das Mantra „Bauen, bauen, bauen“ funktioniert nur, wenn das Richtige gebaut wird. Hierfür müssen wir Baulücken schließen und Brachflächen leichter einer sozialorientierten Bebauung zuführen. Mit dem neuen Instrument des „Innentwicklungs-Maßnahmengebiets“ ermöglichen wir es Kommunen, Flächen anzukaufen und an gemeinnützige oder kommunale Wohnungsunternehmen zu vergeben, etwa in Erbbaurecht. So bekommen Städte mehr demokratische Kontrolle, was gebaut wird.

In Wohnraummangelgebieten müssen wir die Wohnraumversorgung mittels Dachaufstockung erleichtern und das Baurecht behutsam anpassen. Denn das Potenzial ist riesig. Allein in angespannten Wohnungsmärkten könnten durch das kluge Aufstocken von Wohn-, Büro- und Verwaltungsgebäuden rund zwei Millionen neue Wohnungen entstehen.

Die Wohnungskrise hat selbst kleinere Universitätsstädte wie Flensburg oder Jena erreicht. In mehr als 300 Städten und vielen Umlandgemeinden finden Wohnungssuchende mit geringen oder mittleren Einkommen kaum noch eine bezahlbare Wohnung. Zugleich wohnen kaufkräftige Gruppen immer mehr unter sich. So gehen die soziale Mischung und der gesellschaftliche Zusammenhalt verloren. Der Schritt zu „Gated Communities“, wie es sie in den USA oder vielen Schwellenländern gibt, ist nicht mehr weit.

Wir wirken dem entgegen, indem wir Milieuschutzgebiete stärken. So ermöglichen wir es Kommunen, unter bestimmten Voraussetzungen in diesen Gebieten Mietobergrenzen einzuführen. Außerdem stärken wir das kommunale Vorkaufsrecht und schaffen Ausnahmen ab. Wir wollen es den Kommunen ermöglichen, den Vorkauf zu einem günstigeren Preis durchzuführen und mit einer sozialen Zweckbindung zu versehen. So nehmen wir Druck von den Städten und Kommunen können als „Keimzellen der Demokratie“ der sozialen Spaltung besser entgegenwirken.

Daniela Wagner ist Sprecherin der Grünen-Bundestagsfraktion für Stadtentwicklung.
Chris Kühn ist Sprecher der Grünen-Bundestagsfraktion für Bau- und Wohnungspolitik.

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