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Wir sind keine Einhörner

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Von: Elena Müller

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Soziale Netzwerke gehören zur Generation Y dazu.
Soziale Netzwerke gehören zur Generation Y dazu. © dpa

Nicht alle Vertreter der „Generation Y“ halten sich für Fabelwesen. Die meisten zwischen 20 und 35 sind eher verunsichert als überheblich. Das ist nicht schlimm, sondern eure Schuld.

Die sogenannte Generation Y umfasst die Jahrgänge 1980 bis 1995 und gilt als besonders unpolitisch, egozentrisch und risikoscheu. Ich, Jahrgang 1986, sehe meine Altersgenossen und mich in einem anderen Licht.

Was wir nicht sind: Wir sind nicht unpolitisch. Nicht jeder Facebook-Daumen, den wir vergeben, bedeutet, dass wir uns wirklich interessieren. Aber die vielen Bewegungen in den sozialen Netzwerken sollten uns als das angerechnet werden, was sie sind: Engagement für mehr Gerechtigkeit, Miteinander, Aufmerksamkeit. Der Protest findet nicht mehr unbedingt auf der Straße statt. Aber dafür sind wir in der Lage, uns schnell und auf allen Kanälen über Geschehnisse auf der ganzen Welt zu informieren, daran teilzunehmen und dagegen zu protestieren. Die Reaktionen auf den schrecklichen Anschlag auf „Charlie Hebdo“ sind nur ein Beispiel dafür.

Wir sind nicht verkappt konservativ. Nur weil wir wieder mehr Wert auf einen Bausparvertrag legen, ist es nicht illegitim, sich absichern zu wollen. Wir begreifen es als Vorteil, dass die Welt immer schneller wird, und doch suchen wir nach etwas, das uns auffängt. Die Rente ist nicht sicher, die Immobilienblase droht zu platzen und die Zinsen befinden sich in einem Rekordtief: Womit bitte sollen wir unsere Zukunft finanzieren? Während wir unser Sparbuch aus Kindertagen hüten, versuchen wir die Enttäuschung darüber zu verstecken, dass ein Leben, wie es unsere Eltern führen, also die sichere Variante mit Häuschen und Rente, für uns sehr schwer zu realisieren sein wird. Deshalb geben wir vor, es sei cool, finanziell ungesichert mit einem Laptop in einem Szene-Café rumzuhängen und „frei von allen Zwängen“ zu sein.

Definition über Marken

Wir sind nicht egozentrisch. Zwar tun wir alle so, als sei unseres das beste Leben überhaupt, aber das ist Bullshit. Wenn wir vorgeben, unter den Eseln das Einhorn zu sein – das schillerndste aller Fabelwesen und Wappentier meiner Generation –, dann soll uns das beim Vorstellungsgespräch für das 20. schlecht bezahlte Praktikum helfen, die anderen gut ausgebildeten und weitgereisten Mitbewerber auszustechen. Zu Hause sitzen wir dann vor dem Computer, im Licht des Bildschirms weiten sich unsere Augen, wenn wir uns die tägliche Dosis Sozialneid geben: Tim trampt gerade durch Honduras, Sabrina hat ihre eigene PR-Firma, Janne und Max zeigen Fotos ihrer Altbauwohnung in Friedrichshain. Wenn durchschnittlich 200 bis 400 Facebook-Freunde nur einmal im Jahr posten, was ihr persönliches Highlight ist, liest man jeden Tag, wie toll die anderen sind und wie langweilig man selbst ist. Facebook, das Tor zur Welt und zum virtuellen Leben anderer, wird zur Hölle für all jene, die versuchen, erfolgreich die Erwartungen ihrer Zeit zu jonglieren.

Was wir sind : Ja, wir definieren uns zu oft über Marken, Labels und den schönen Schein. Aber wer über uns urteilt, macht sich keine Mühe, hinter unsere Fassade zu schauen. Der digitale Glitzerlack, mit dem wir uns bestäuben, soll nur verdecken, wie sehr wir darunter zittern. Wir wollen glücklich werden und wir sind vielleicht so verzweifelt wie keine andere Generation nach dem Zweiten Weltkrieg, dass dieser „egoistische“ Traum nicht in Erfüllung gehen könnte. Alles muss immer schneller gehen und wir sind bereit, uns anzupassen, denn unser Streben nach Glück steht über allem. Aber zu welchem Preis: Abi nach zwölf Jahren, danach ein Turbo-Studium nach Bologna, das keinen Blick über den Tellerrand erlaubt. Wir sind so, weil eure Politik uns dazu gemacht hat.

Begeisterung für neue Medien

Wir können jeden Job haben, aber wir müssen auch immer damit rechnen, ihn gleich wieder zu verlieren. Wer kann uns vorwerfen, dass wir unsere Berufswege bei aller Unsicherheit gerne ausgewogener gestalten würden? Vielleicht widersprechen wir zu selten und pure Selbstzweifel sind sicher keine Tugend. Aber unsere Sorgen sind legitim.

Was wir sein können: Unsere Begeisterung für neue Medien, unsere Flexibilität und unser Individualismus sind nicht unsere Schwächen, sondern unsere größte Chance, uns weiterzuentwickeln. Keine Generation in Deutschland ist so selbstverständlich multikulturell aufgewachsen, bereits in der Jugend so weit gereist, so erfrischend gleichgültig gegenüber den verschiedenen Religionen oder der Bedeutung von sexueller Orientierung. Wir können froh sein, dass uns in Europa gerade kein Krieg direkt berührt. Das heißt aber nicht, dass wir nicht sehr genau hinschauen würden, welche Ungerechtigkeiten auch bei uns passieren.

Eine Generation definiert sich vielleicht über zwei oder drei Merkmale, die sich unter ihren Mitgliedern häufen. Aber diese Merkmale sind ja Ausdruck der Welt um uns herum. Dies entbindet uns nicht unserer Verantwortung, aber auch ihr müsst euch für uns verantwortlich fühlen. Ihr müsst Verständnis für uns aufbringen, die wir heute versuchen, unseren Platz in diesem Irrenhaus aus digitalen Spiegelbildern zu finden. Ich kann versprechen, dass wir es versuchen werden. Denn wir wissen selbst, dass wir keine Einhörner sind.

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