Treffen mit Macron zum Wiederaufbau nach Corona

Schafft Merkel das Wunder von Meseberg?

  • vonMatthias Koch
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Merkel und Macron wollen die EU weiter stärken. Auch dafür steht das heutige Treffen.

Ach, Frankreich. Manchmal, flüstern deutsche Diplomaten, werde das Land ein bisschen überschätzt, vor allem in Paris. Jahrelang echauffierte sich Emmanuel Macron, die deutsche Kanzlerin nehme leider viel zu wenig Rücksicht auf seine vielen neuen Pläne für die Zukunft der EU. Merkel, so lautete die Kritik, sei leider viel zu unbeweglich. Ganz Europa sah das so.

Inzwischen haben sich die Gewichte wieder ein wenig verschoben. Merkel entfaltet, kurioserweise ausgerechnet zum Ende ihrer Amtszeit, mehr Einfluss denn je. Macron indessen erscheint als der allzu eifrige Reformer, dessen feierliches Pathos irgendwann nicht mehr zur realen Politik passte. Die Kommunalwahlen vom Sonntag, bei denen seiner Bewegung La Republique En Marche schon sehr früh eine Niederlage prophezeit worden war, sind der jüngste Hinweis auf eine Kette von Enttäuschungen.

Die Corona-Krise hat die anfänglichen wirtschaftspolitischen Erfolge Macrons wieder zerbröseln lassen. In Frankreich ist der Absturz tiefer und die Verunsicherung größer als in Deutschland. Viele Franzosen tendieren seit Langem weit nach rechts, Richtung Marine Le Pen. Andere suchen jetzt ganz links das Heil. Wieder andere entdecken erstmals die Grünen für sich. Und plötzlich steht sogar wieder eine Sozialistin im nationalen Rampenlicht, Anne Hidalgo, die spanischstämmige Bürgermeisterin von Paris.

Es ist ein geschwächter französischer Präsident, der heute von Merkel im Gästehaus der Bundesregierung in Meseberg empfangen wird. Er trifft eine Politikerin, die in ihrer langen Regierungszeit schon mit drei weiteren Präsidenten aus Paris zu tun hatte, Jacques Chirac, Nicolas Sarkozy und Francois Hollande.

Merkels Selbstbewusstsein hat nicht gelitten in all den Jahren. Jüngst erlaubte sie sich sogar, durch eine Absage an Donald Trump den G7-Gipfel in den USA praktisch abzublasen; Macron hatte sich zuvor noch hinhaltend geäußert, er wollte sich wohl wieder als Trump-Flüsterer versuchen.

In Berlin aber gibt es jetzt eine eigene neue Linie. Dabei geht es nicht allein um die Pandemie. Merkel will, dass die Europäer neu zusammenfinden und neue Energie aufwenden, um auf zwei mächtige Faktoren zu reagieren, die gleichzeitig auf die ganze Welt einwirken: erstens der wachsende Einfluss Chinas, zweitens das nachlassende Interesse der USA an Europa.

In dieser Lage ist Deutschland jetzt zur Führung verdammt, es geht nicht anders. Niemand in Europa allerdings wünscht sich nun blecherne Handlungsanweisungen aus Berlin. Das Wunder von Meseberg könnte darin liegen, dass Merkel die jetzt notwendige, besonders anspruchsvolle Art von Führung schon ein erstes Mal vorführt. Es geht um Führen durch Integration, Führen durch Geben und Nehmen, eine Führung, die auch den anderen, den etwas Schwächeren, gut aussehen lässt.

Nicht nur ethische, auch pragmatische Aspekte sprechen für diese Art des Herangehens. Wenn die jetzt anstehenden Pläne und Programme für die Zeit bis Ende 2020 stets vorab das Konsenssiegel „Mercron“ bekommen, verbessert dies die Aussichten, nach den üblichen Detaildebatten auch den Rest Europas dahinter vereinigen zu können.

Das erste gelungene Beispiel liegt im von Merkel und Macron erarbeiteten Plan für das anleihefinanzierte Milliarden-Paket zum Wiederaufbau nach der Corona-Krise. Im Bundestag stehen Union, SPD und Grüne hinter diesem Kurs. Ein so mächtiges Signal von Solidarität und europäischem Selbstbehauptungswillen hat es noch nie gegeben.

Merkel mutet ihren Deutschen viel zu. Man kann nur hoffen, dass Land und Leute nicht noch die Nerven verlieren, wenn im Herbst die Arbeitslosenzahlen steigen. Auch für Macron ist es nicht einfach, er muss damit leben, dass in den jetzt anstehenden Schicksalsmonaten für die EU viele wichtige Entscheidungen in Berlin fallen. Schon immer aber mussten große Europäer über ihren eigenen Schatten springen. Entscheidend war und bleibt, dass die Interessen am Ende austariert sind. So ist es auch jetzt wieder: Nie war die EU so deutsch, das ist wahr. Aber nie tickte auch Deutschland so europäisch wie jetzt.

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