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Die Entdeckung der Langsamkeit.

Kolumne

Setzt euch und entspannt

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Eine 32-stündige Zugfahrt kann einen lehren, wie wunderbar es ist, anderthalb Tage lang aus der Zeit auszusteigen.

Pünktlichkeit ist relativ. Sie kann das Leben leichter machen oder schwerer, je nach individuellen Naturell. Manchen Zeitgenossen ist das Zuspätkommen derart verpönt, dass sie stets einige Minuten zu früh aufkreuzen. Leute wie mich, die immer etwas auf den letzten Drücker zu erledigen haben, kann das gehörig stressen. Obgleich ich aus Furcht vor missbilligen Blicken überpünktlicher Freunde meist nur ein kleines bisschen überziehe, um innerhalb vermuteter Toleranzschwellen (möglichst unter dem akademischen Viertelstündchen) einzutreffen.

In mediterranen Ländern ist man mit dem pünktlich-Sein weniger penibel. In Frankreich, habe ich mir sagen lassen, nimmt niemand eine halbe Stunde Verspätung bei einer Dinnereinladung übel, da die Gäste eh, bevor es zu Tisch geht, ein paar Flaschen Champagner köpfen. Im Nahen Osten ist der Begriff Zeit noch dehnbarer. Bukra, das arabische Morgen, bedeutet in etwa das gleiche wie das spanische mañana, dauert nur etwas länger.

Zeit einfach verstreichen zu lassen, ist ein Luxus, den wir westlich geprägten Gemüter uns selten leisten. „Die Entdeckung der Langsamkeit“, Sten Nadolnys Roman über den britischen Polarforscher, der im Zeitlupentempo denkt, habe ich zwar seinerzeit verschlungen. Aber welche Wohltat eine Entschleunigung bewirkt, habe ich selber erst kürzlich während einer 32-stündigen Zugfahrt von Johannesburg nach Kapstadt, entdeckt.

Laut Fahrplan hätte die 1700 Kilometer lange, erstaunlich preisgünstige „Premier Class“-Reise im Shosholoza-Train eigentlich nach 27 Stunden am Zielbahnhof eintreffen sollen. Aber es ging schon mit einer Stunde Verspätung los, die Maschine sprang nicht an, woraufhin Zugmanager Millie zum Glas Sekt in den holzvertäfelten Barwagen lud. Eine nette Geste, die auch der Deutschen Bundesbahn zu empfehlen wäre, um die Passagiere bei Verspätungsalarm bei Laune zu halten.

Für weitere Verzögerungen sorgten ein liegen gebliebener Zug, der vom Gleis gezogen werden musste, Warten auf Signale, die aus unerfindlichen Gründen nicht ansprangen, ehe unsere altertümliche Lok sich wieder ruckelnd bewegte.

Shosholoza heißt übrigens „es geht voran“. Und das tat es letztendlich ja auch, während wir in die gemächlich vorbeiziehende Landschaft schauten, zu Mittag und zu Abend speisten, uns im Schlafabteil niederbetteten, am nächsten Morgen frühstückten, um erneut bis zum Lunch wechselweise in ein Buch oder aus dem Waggonfenster zu blicken.

Internet gab es nicht, auch keine Lautsprecheransagen, ohne dass sich ein Gefühl, was zu verpassen, einschlich. Zwischendurch kam Millie vorbei, der seit vierzig Jahren Dienst auf südafrikanischen Fernstrecken versieht. Sein Rat an die Fahrgäste: „Schaut nicht auf die Uhr.“ Man tue besser daran, die Bahnfahrt an sich zu genießen, sich mal Ruhe zu gönnen. „Sit down and relax.“

Alles in allem war es wunderbar, anderthalb Tage lang aus der Zeit auszusteigen, nichts tun zu müssen und trotzdem unterwegs zu sein. Bahnfahren könnte glatt mein Hobby werden, obwohl ich für eine Fahrt in der Transsibirischen Eisenbahn, die siebentägige, mit 9288 Kilometern längste Strecke der Welt, meine Geduld noch trainieren müsste.

Als unser Zug in Kapstadt einlief, war es mit dem langsam-Machen vorbei. Im Eilschritt zogen wir unsere Rollkoffer zu den Taxis. Als ob plötzlich jede Minute zählte. Im Leben ist eben alles ziemlich relativ.

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