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Die Ergebnisse der Pisa-Studie sind für Politiker und das deutsche Schulsystem eine Schande.

Pisa-Studie

Setzen, sechs!

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Die Ergebnisse der Pisa-Studie sind für hiesige Schülerinnen und Schüler mäßig. Für Politiker und das Schulsystem sind sie eine Schande. Der Leitartikel.

Es gibt Schülerinnen und Schüler, die gehen jeder noch so gutmütigen Lehrerin oder jedem Lehrer schwer auf den Geist. Diese Schüler machen ihre Hausaufgaben nicht oder geben sie erst Tage später ab – und dann reiben sie sich womöglich noch verwundert die Augen, wenn es am Ende eine mäßige Note gibt.

Die Pisa-Studie zeigt: Deutschland liegt mit seinen Ergebnissen zwar leicht über dem OECD-Durchschnitt, findet aber keinen Anschluss an die Spitzenreiter. Deutschland ist in der Bildung Mittelmaß, und der Trend zeigt eher wieder nach unten. Dieses ernüchternde Ergebnis war komplett vorhersehbar. Denn wir haben in den vergangenen Jahren viel zu wenig getan, als dass ein Aufwärtstrend möglich gewesen wäre.

Jeder fünfte 15-Jährige in Deutschland kann nur auf Grundschulniveau lesen. Das ist für eine selbst ernannte Bildungsnation eine Schande. Das deutsche Bildungssystem versagt in Fragen fairer Chancen. Bildungserfolg ist in Deutschland überdurchschnittlich stark an die soziale Herkunft gekoppelt: eine Ungerechtigkeit, die in den vergangenen Jahren sogar noch einmal gewachsen ist. In Zeiten des beginnenden Fachkräftemangels kann das Land sich das nicht leisten.

Es lässt einen ratlos zurück, dass der Präsident der Kultusministerkonferenz und hessische Kultusminister, Alexander Lorz, dazu sagt: Wenn ihm irgendjemand noch „ein Zauberrezept“ zeige, das unentdeckt sei, gehe er gern darauf ein. Was für ein Unfug! Nicht mit Zauberei, nur mit Taten lassen sich die Probleme in der Bildungspolitik angehen. Die Liste der Versäumnisse ist lang und offensichtlich.

Wann begreifen wir endlich, dass wir jede Schülerin und jeden Schüler so gut wie möglich individuell fördern müssen – und dass wir dazu ausreichend viele Lehrerinnen und Lehrer brauchen? Wann schaffen wir ein gutes, modernes und umfangreiches Fortbildungsangebot für Lehrerinnen und Lehrer?

Wann machen wir endlich Ernst damit, dass in Schulen multiprofessionelle Teams – Lehrer, Pädagogen und Sozialarbeiter – zum ganz normalen Standard werden? Warum bezahlen wir eigentlich die Lehrer, die in sozialen Brennpunktschulen oft den schwierigsten Job machen, oft am schlechtesten?

„Wir können nicht auch noch die Probleme der Gesellschaft lösen“, hört man häufig von Lehrerinnen und Lehrern. Die unumstößliche Wirklichkeit ist aber: Wer soll es denn sonst tun? Richtig ist, dass wir die Lehrerinnen und Lehrer nicht mit den Herausforderungen alleinlassen dürfen, die aus Migration und sozialen Problemen entstehen. Deutschland muss Geld in die Hand nehmen und für bessere Arbeits- und Lernbedingungen an den Schulen sorgen. Jeder Euro, den wir dort investieren, liefert eine hohe gesellschaftliche Rendite.

Die Lehrerinnen und Lehrer haben in Befragungen zu erkennen gegeben, dass sie bereit sind, mehr im Team zu arbeiten. Fragt man einzelne Lehrerinnen oder Lehrer danach, heißt es meist, es fehle für gegenseitige Unterrichtsbesuche schlicht die Zeit.

Hier braucht es einerseits tatsächlich mehr Personal, aber auch gute Schulleiter, die Veränderungsprozesse anstoßen. Und es braucht natürlich auch den Willen und die Initiative der Lehrer selbst. Austausch bei der Vorbereitung und gegenseitige Kritik erhöhen die Unterrichtsqualität. Das beweisen erfolgreichere Bildungssysteme. Unterricht nach dem Motto „Tür zu – außer den Schülern sieht es ja zum Glück keiner“ muss endlich von vorgestern sein.

Wir müssen den Lehrerinnen und Lehrer Arbeitsbedingungen bieten, bei denen möglichst viele Freude an ihrem Beruf haben können. Vielleicht schaffen sie es dann auch – zusammen mit Eltern, Großeltern und Lesepaten –, dass eine besonders wichtige Botschaft bei Schülerinnen und Schülern ankommt: Es gehört zu den schönen Dingen im Leben, sich mit einem guten Buch zurückzuziehen. Dass die Schülerinnen und Schüler hierzulande keine Lust auf Lesen haben, gehört zu den wirklich bitteren Erkenntnissen dieser Pisa-Studie.

Jetzt sind die Verantwortlichen in den Bundesländern gefordert, rasch untereinander und mit dem Bund auszuloten, wie Deutschland bis zur nächsten Pisa-Studie die Trendwende schaffen kann. Sonst werden sie bei der nächsten Pisa-Studie wieder Fremdschämen provozieren wie der Schüler, der sagt: „Herr Lehrer, ganz ehrlich, der Hund hat meine Hausaufgaben gefressen.“

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